Trockenes Grün
von Susanne Turra
Wenn Toni Jäger durch den Wald geht, tut er dies mit kritischen Augen. Und prüfendem Blick. Auf den Boden. Und in die Baumkronen. Immer und immer wieder. «Dieser Baum ist gesund. Der da ist krank», erkennt er von Weitem. Alltag für den Förster der Stadt Chur. Den Leiter Wald und Alpen. Alltag? Die Digitalisierung macht auch vor einem Förster nicht Halt. Zu oft ist er mittlerweile an seinen Schreibtisch gebunden. Nicht so kürzlich.
Erholungswald und Schutzwald zugleich
Es ist Dienstagmorgen, der letzte im August, im Fürstenwald. Dem Naherholungsgebiet der Churerinnen und Churer schlechthin. Toni Jäger zweigt nach dem Waldhausstall bei der Gabelung auf das Strässchen ab, das links hinauf führt. Mit festem Schritt geht es voran. Links des Weges befindet sich der Wald der Bürgergemeinde. Mächtig und dicht. Rechts davon steht der Bistumswald. Licht und mit viel Jungwald. Der Wald hat verschiedene Funktionen. Er ist Erholungswald und Schutzwald zugleich. Nach diesen Kriterien wird er auch bewirtschaftet. Und das ist bei diesen Wetterkapriolen nicht immer einfach. Da braucht es mindestens einen Plan B. Die Trockenheit setzt dem Wald zu. Die Wetterextreme. Der Klimawandel. Mit der Wärme kommt der Wald besser zurecht als mit der Trockenheit. Und so sind die Jahre 2003 und 2018 noch schlimmer für Boden und Bäume als der aktuelle Sommer. Das letzte Jahr wiederum war regenreich und damit sehr gut. Für den Wald zumindest. Für die Menschen wohl eher nicht. So oder so. «Wir müssen mit dem Klimawandel leben», betont Toni Jäger. «Das Schlimmste am Klimawandel ist das Tempo, mit dem alles vor sich geht. Damit werden die Wetterextreme immer häufiger auftreten.» Doch was, wenn es irgendwann wirklich nicht mehr grünt? Das würde dann tatsächlich dazu führen, dass hier plötzlich ganz andere Bäume wachsen würden. Solche, die sich dem Klima angepasst haben. Plan B? «Lieber Plan C», so Toni Jäger. Für den Förster ein Schreckensszenario.
Der perfekte Mischwald
«Wir möchten möglichst viele verschiedene einheimische Baumarten auf möglichst kleinem Raum, mit möglichst grossen Altersunterschieden», erklärt der Fachmann. «Das ist der perfekte Mischwald.» Dabei müssen die Bäume resistent gegen Trockenheit sein und unempfindlich gegen Borkenkäfer und Wild. Im Fürstenwald stocken hauptsächlich Waldföhren, Lärchen und Birken als Pionierbaumarten. Daneben auch Fichten, Tannen, Eiben, Buchen, Bergahorne, Nussbäume, Linden und Eschen. Wobei die Eschen seit ein paar Jahren von einem Pilz befallen werden und früh schon absterben. So wie es den Ulmen ergangen ist, die vor rund 30 Jahren praktisch ausgestorben sind. Abgestorben durch einen eingeschleppten Pilzbefall. «Die Fichte, unsere häufigste Baumart, wird die Klimaerwärmung hier unten im Talgebiet nicht überstehen», ist Toni Jäger überzeugt. «Sie wird sich in höhere Lagen zurückziehen.» Sie ist zu anfällig auf den Borkenkäfer.
Den Wald verjüngen
Wie auch immer. «Die 150 Jahre alten Bäume sind zu einer anderen Zeit aufgewachsen, als die jungen Bäume hier», betont der Förster. Er zeigt auf die kleinen, zarten Jungbäume. «Wir müssen den Wald dringend noch mehr verjüngen», bringt es Toni Jäger auf den Punkt. «Der Jungwald ist resistenter. Gegen Krankheiten und gegen Trockenheit. Das ist wie bei den Menschen.» Und so wird künftig die Bewirtschaftung noch mehr angepasst. Die Umtriebszeit kürzer gehalten. Mit der Verjüngung früher begonnen. Wenn die alten Bäume fallen, sind die jungen schon wieder nachgewachsen. Toni Jäger geht weiter. Es knirscht und raschelt unter seinen Füssen. «Das ist mein bester Freund», ruft er plötzlich. Er zeigt auf den Sommerflieder und reisst ihn gleich büschelweise aus. Doch nicht der beste Freund? «Der Neophyt wächst sehr schnell, vermehrt sich explosionsartig und verhindert damit die natürliche einheimische Vegetation», erklärt der Förster. «Sommerflieder hat im Wald nichts zu suchen.»
Das nächste Problem ist das Wild. Dieses frisst fürs Leben gerne Weisstannen. Aber eigentlich wäre die Weisstanne im Wald äusserst erwünscht. «Sie ist gut für den Boden und verjüngt sich gut unter den alten Bäumen. Und sie ist nicht empfindlich auf den Borkenkäfer und relativ trockenresistent.» Und dann ist da noch die Sache mit dem Schnee. Dieser kommt in den letzten Jahren oftmals zur falschen Zeit. Ende Oktober oder anfangs Mai. Grund sind die immer intensiver werdenden Niederschläge. Dabei kühlt sich die Luft kurz rasch ab und der Schnee fällt dann als schwerer Nassschnee bis in tiefe Lagen. Ein Umstand, der ebenfalls der Klimaerwärmung zu verdanken ist.
Ein Beispiel: «Die Eiche wäre eigentlich relativ klimaresistent», so Toni Jäger. «Sie wirft aber im Herbst ihre Blätter nicht ab. Und wenn es nun Schnee gibt, den Frühschnee im Herbst, drückt dieser die jungen Bäume um.» Das Gleiche gilt im Frühling. Dadurch, dass es früher warm ist, treiben die Bäume auch früher aus. Und wenn es nun Schnee gibt, den Spätschnee im Frühling, drückt dieser ebenfalls Bäume und Äste ab. Es ist ein Kreislauf. Ein Teufelskreis. Der Schnee macht die Bäume, die eigentlich für die Trockenheit geeignet wären, wieder kaputt.
Mit kritischem Auge und prüfendem Blick
Zurück zum Sommer. Toni Jäger zeigt auf eine junge, einheimische Föhre, die gespritzt worden ist gegen Wildverbiss. Daneben steht eine gesunde, junge Lärche. Weiter vorne ist eine gefegte, kleine Lärche zu sehen. «Die ist tot gefegt. Von den Rehböcken», so der Förster. Er geht weiter. Durch den Wald. So, wie er es schon seit 40 Jahren tut. «Bei der Waldpflege gibt es immer etwas zu tun. Meint man, das Ziel erreicht zu haben, und lehnt sich zurück, liegt schnell etwas im Argen.» Oder überspitzt gesagt: «Wenn wir einen Tag lang nichts machen, sieht der Wald übermorgen nicht mehr so gut aus», sagt er. Früher sind jährlich bis zu 20 000 Bäume gepflanzt worden. Heute sind es noch rund 4000 im Jahr. Bei der Verjüngung wird vorwiegend auf Naturverjüngung gesetzt.
Und wie ist das denn nun mit den Blättern? Die fallen ja jetzt, Ende August, teilweise schon von den Bäumen. «Das ist zu früh und nicht gut für den Wald», bestätigt der Förster. «Es ist eine Reaktion auf die Trockenheit.» Wenn der Baum aufhört zu wachsen, stösst er die Blätter ab. Ebenfalls wegen der Trockenheit steigt die Waldbrandgefahr. Und so wird künftig auch öfters mit einem Feuerverbot zu rechnen sein. Doch auch in diesem Bereich macht die Verjüngung des Waldes Sinn. «Dichter, grüner Jungwald brennt nicht so schnell», betont Toni Jäger. «Anders die alten Bäume und der trockene Waldboden. Wenn der brennt, dann breitet sich das Feuer aus wie ein Teppich.»
Der Förster geht weiter. Mit kritischen Augen und prüfendem Blick. Auf den Boden und in die Baumkronen. Immer und immer wieder. «Für viele Leute ist nur ein Nadelbaum ein Baum. Laubbäume sind für sie nur Stauden», verrät er. «Das ist pure Christbaumromantik», vermutet er. In Zeiten von Klimawandel und Wetterextreme steht diese aber eigentlich nicht im Vordergrund. Heute gilt es in erster Linie, den Wald zu erhalten. Für die Erholung und den Schutz.
Toni Jäger geht langsam über das Strässchen zurück. Biker und Joggerinnen. Alt und Jung. Gross und Klein. Mit und ohne Hund. Alle treffen sich frühmorgens im Fürstenwald. Egal, wie trocken es ist. Der Wald spendet eine wundervolle Morgenfrische. «Dieser Baum hier ist älter als das Strässchen», sagt Toni Jäger plötzlich und bleibt kurz stehen. Doch ein bisschen Baumromantik?