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Leben & Freizeit

Strom aus Schafmist – neuer Biogasreaktor geht ans Netz

Davoser Zeitung
20.08.2022, 12:09 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Im spezifisch pathogenfreien (SPF) Schafstall, der letztes Jahr als Erweiterung der präklinischen Forschungseinrichtung des ARI eingeweiht worden ist, ist kürzlich eine neue Biogasanlage in Betrieb gegangen. Die Anlage verwertet Mist  der SPF-Schafherde sowie von Rindern von benachbarten Bauernhöfen und erzeugt daraus erneuerbare elektrische und thermische Energie. So sollen die jährlichen Strom- und Heizkosten sowohl für die präklinische Einrichtung als auch für den Stall selbst reduziert wer-den. Darüber hinaus ist die Investition ein Leuchtturmprojekt mit Vorbildcharakter für die lokale Gemeinschaft.

40 000 Liter Öl weniger

«Für uns ist die Biogasanlage eine sehr interessante Option», erläutert Urban Lanker, Leiter der präklinischen Einrichtung und Initiator des Projekts. «Wir sind Grossverbraucher und benötigen rund um die Uhr Strom. Die präklinische Einrichtung mit ihren vielen Maschinen, darunter Lüftungsanlagen und Grosswaschanlagen, verbraucht jährlich rund 125 000 Kilowattstunden.» Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt benötigt jährlich rund 5000 Kilowattstunden.

Darüber hinaus wird die Biogasanlage genügend Überschusswärme erzeugen, um beide Gebäude zu beheizen. Allein im Fall der präklinischen Einrichtung bedeutet dies ein jährliches Einsparpotenzial von rund 40 000 Litern Heizöl. Zusätzlich kann die Wärmeenergie zur Warmwasserbereitung für die regelmässige Desinfektion der Schafställe genutzt werden, wodurch der Einsatz chemischer Desinfektionsmittel entfällt. In den wärmeren Sommermonaten kann die Wärme in den Heuspeicher geleitet werden, um dort das Viehfutter zu belüften und zu trocknen – das wiederum eines Tages selbst im Reaktor landen wird. Darüber hinaus erzeugen Photovoltaikelemente auf dem Dach der Biogasanlage zusätzliche Energie für ARI.

Spät, aber nicht zu spät

All dieser Vorteile zum Trotz kam Lanker erst auf die Idee, eine Biogasanlage in den SPF-Stall einzubauen, nachdem der erste Spatenstich auf der Baustelle längst erfolgt war. «Ich las einen Artikel über die Biogasproduktion in kleinem Massstab in einer Fachzeitschrift. Bis dahin hatte ich nicht geahnt, wie perfekt ein solches Konzept zu uns passen würde», erinnert er sich.

Sobald die Anlage vollständig in Betrieb ist, wird sie den gesamten Mist verwerten, der im SPF-Stall anfällt. Der trockene Dung wird zerkleinert und mit Gülle vermischt, die von Landwirten aus der Nachbarschaft zugeliefert wird. Dieses Substrat wird dann in einen Fermenter gege-ben, wo es von Mikroorganismen unter Entzug von Sauerstoff abgebaut wird. Das dabei entstehende Methan gelangt dann über ein Rohrsystem in einen Speicherballon, bevor es anschliessend in einem Blockheizkraftwerk verfeuert wird. Das nach dem anaeroben Vergärungsprozess in der Biogasanlage verbliebene Material dient als hochwertiger und weitestgehend methanfreier Dünger im Ackerbau.

Viel gelernt

In den täglichen Betrieb und die Wartung der neuen Biogasanlage musste Lanker sich vollständig neu einarbeiten. «Es war eine steile Lernkurve», sagt er, «aber eine, die extrem viel Spass gemacht hat. Ich bin dem ARI sehr dankbar dafür, dass ich immer wieder Neues ausprobieren darf. Bau und Betrieb dieser Anlage sind Dinge, die ich von Grund auf erlernen musste. Aber es hat sich sehr gelohnt, und ich lerne jeden Tag dazu.» Lanker ist davon überzeugt, dass das Projekt auch über seine unmittelbare Anwendung beim ARI hinaus relevant ist, weil es Antworten auf einige der drängendsten Fragen der Gegenwart bereit hält. «Mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage glaube ich, dass wir gesamtgesellschaftlich noch viel mehr tun müssen, um unsere Energieerzeugung zu dezentralisieren. Biogas kann dabei eine wichtige Rolle spielen.»

Offen für Besichtigungen

Professor Geoff Richards, Direktor des ARI, ist vom Projekt äusserst begeistert. Auf seine Initiative hin schlossen die Mittel für die Anlage auch eine Besuchereinrichtung ein. Diese ermöglicht es beispielsweise Schulklassen aus der Umgebung, vor Ort etwas über die nachhaltige Erzeugung von Energie zu lernen. Lanker entwickelte ein Konzept für einen Besuchertunnel, von dem aus Schulkinder den Fermentationsprozess in Aktion sehen können. Ausserdem stellte er weisse Wände für die jüngeren Kinder zur künstlerischen Betätigung zur Verfügung, auf denen jede Klasse einen Abschnitt gestalten kann. Richards sagt: «Ich bin so stolz darauf, Urban beim ARI zu haben. Er ist ein grossartiges Beispiel für Loyalität, Kreativität und Empathie.»

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