Spurensuche auf Spurweite 1,435 Meter
Am Walensee im Glarnerland beim Auenwald im Linthdelta: Prunkvoller als hier präsentiert sich die seltene Heilpflanze hierzulande nirgendwo. Am Fuss der Weisswand züngelt der geschützte Hirschzungenfarn aus dem feuchten Bergwald gar flächendeckend – entgegen der Natur, die pro Standort nur ein paar wenige Pflanzen zulässt.
Der Hirschzungenfarn gilt hier allerdings nicht als einziger Blickfang. Noch höher hinaus als die langen, glatten Blätter ragt etwas von Menschenhand Geschaffenes, etwas Stein auf Stein Geschichtetes – ein mächtiges Portal, das ins dunkle Berginnere führt. Es ist ein grosses schwarzes Loch, das Millionen von Menschen auf die Schienenspur 1435 Millimeter gezogen hat. Es ist ein Relikt der Schweizer Ostbahn, welche bis 1859 in Etappen eröffnet worden ist und am südlichen Ufer des Walensees entlang führte.
Der «Schlosseingang» ist ein Tunnelportal
Der verwunschene «Schlosseingang» ist das 1961 stillgelegte Westportal des 781 Meter langen Weisswand-Ofeneck-Tunnels, das weiter ostwärts heute als Radweg befahren wird. Die vorgelagerte Linthbrücke, die heute von Fussgängern begangen wird, ist die einstige Tunnelzufahrt. Beide Bauwerke hatten 1961 mit der Eröffnung des 3955 Meter langen Kerenzerberg-Doppelspurtunnels ausgedient.
Der stillgelegte Streckenabschnitt zählte zum Schienennetz der Vereinigten Schweizerbahnen (VSB). Diese nahmen unabhängig voneinander ihre Fahrt auf. Als erster Streckenabschnitt wurde am 1. Juli 1858 die Linie Chur–Sargans eröffnet. Am 15. Februar 1859 folgten die Strecken Sargans–Murg und Ziegelbrücke–Weesen, wenig später, am 1. Juli 1959, die Zugsverbindung Murg–Weesen. Vier Tage vor der Eröffnung dieses neuen Bauwerks beschloss der Basler Grossrat, ein altes abzubauen: die Basler Stadtmauer.
In den Streckenabschnitt Murg–Weesen fallen zwischen Mühlehorn und Weesen nebst dem Weisswand-Ofeneck- noch drei weitere, 1961 stillgelegte Eisenbahntunnels. Dabei handelt es sich um den 111 Meter langen Glattwand-, den 86 Meter langen Hechtlenhorn- und den 258 Meter langen Standenhorntunnel, in welche, nach deren Aufweitung, die Walenseestrasse verlegt wurde, die heute noch als nördliche Fahrspur der Autobahn A3 in Betrieb ist.