Das Sanatorium Valbella, 1. Teil
Bereits 1898 eröffnete an der Mühlestrasse «Hirsch‘s Internationales Sanatorium Davos Dorf». Es war ein grosser Krankenhauskomplex, geführt als koschere Heilanstalt, mit hohem Komfort und somit für die jüdischen Gäste aus der ganzen Welt gedacht. Es wurde angepriesen mit der rauch- und staubfreien Lage, als isoliert gelegen, mit staubfreien Bodenbelägen aus Linoleum und mit der längsten Sonnenscheindauer des Landwassertales. Es wurde auch es als einziges Sanatorium mit strengem Koscherbetrieb im schweizerischen Hochgebirge vermarktet. Die Baukosten von 250 000 Franken wurden von der internationalen jüdischen Finanzwelt getragen. Ab 1906 übernahm als Chefarzt der Lungenspezialist Dr. Hans Philippi die Klinik, die nun «Sanatorium Dr. Philippi AG» hiess. 1916 wurde es zum «Sanatorium Valbella». Das im friderizianischen Stil gebaute Gebäude mit dem markanten Mittelturm mit Kuppe war später auch die Vorlage des «Berghofs» im Roman «Der Zauberberg» von Thomas Mann. Die Patienten fehlten aber weitgehend. Zu dieser Zeit war ein Überangebot an Kurplätzen vorhanden, 38 Kliniken und Sanatorien konnten in Davos Patienten aufnehmen. Der Erste Weltkrieg schränkte den Tourismus stark ein. 1908 musste eine Aktiengesellschaft gegründet werden, um Herrn Hirsch auszuzahlen und die Weiterführung des Sanatoriums sicherzustellen. Das gelang, aber da nun das Haus nicht mehr in jüdischem Besitz war, fehlte ein markanter Teil der Kundschaft.
Im Juni 1918 wurde das inzwischen leerstehende Luxussanatorium «Valbella, vormals Dr. Philippi» durch den Reichsausschuss der Kriegsbeschädigtenfürsorge Berlin und den Hilfsbund für Deutsche Kriegerfürsorge gekauft. Es entstand eine Genossenschaft nach schweizerischem Recht. Sie hatte zum Ziel, die in verschiedenen Instituten in Davos und Arosa wegen ihres tuberkulösen Kriegsleiden kurenden Kriegsgeschädigten unter eine einheitliche ärztliche Versorgung zu stellen. Um die notwendigen 1,35 Millionen Franken aufzubringen, musste Geld gesammelt werden. Mit Anleihen im In- und Ausland, mit Sondermarken und Inseraten wurde gesammelt, selbst Kaiser Wilhelm II gab 500 000 Mark in Kriegsanleihen, diese waren aber damals schon fast wertlos.
Das Deutsche Kriegerkurhaus
Im Juli 1918 wurde das Sanatorium als «Deutsches Kriegerkurhaus» (DDK) wiedereröffnet. Es standen 165 Betten für Männer und Frauen zur Verfügung. Es wurde viel in die medizinische Betreuung investiert und bereits 1927 ein Anbau für eine Kinderabteilung mit 65 Betten erstellt. Die Belegung erfolgte durch das reichsdeutsche Versorgungswesen und durch den Hilfsbund der Deutschen in der Schweiz. Freistehende Betten konnten durch den Chefarzt vergeben werden. Aufgenommen wurden Patienten mit allen möglichen Formen der Tuberkulose. Die Pflege erfolgte von Anfang an durch Diakonissen des evangelischen Karlsruher Mutterhauses, ergänzt durch Zivilangestellte.
Zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland spielten die Deutschen Heilstätten in der Schweiz eine politisch fragwürdige Rolle. Das DKK, wie es in den politischen Dokumenten erwähnt wird, bildete – zusammen mit dem Fridericianum (heute Alpine Mittelschule), dem Konsul Burchard-Haus (heute Mon Repos/Alpine Inn) und der Deutschen Heilstätte Wolfgang (heute HGK) – die Gründungs- und Versammlungsorte für nationalsozialistische Gruppierungen. Die Vorstände und viele Angestellte waren Unterstützer der NS-Ideologie und sorgten dafür, dass diese im Haus auch gelebt wurde. Der bekannte Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff (ermordet 1936 in Davos) war als Vorsitzender im Verwaltungsrat der DKK die massgebende Person für die Umsetzung der von der NSDAP vorgegebenen Regeln. Solche Macharten kamen aber bei einem grossen Teil der Davoser und der nationalen Politik nicht gut an. Immer wieder wurde versucht, Verstösse gegen die Landesgesetze und nachrichtendienstliche Tätigkeiten nachzuweisen, meist vergeblich.
Fortsetzung folgt…
Rico De Boni stellt diesen Artikel der DZ freundlicherweise zur Verfügung
Quellen:
Urs Gredig: Gastfeindschaft / Davos 2002; Schweizer Bauzeitung Nr. 76 / 1958 Bundesarchiv Bern; Dodis / Diplomatische Dokumente der Schweiz, Bern