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Leben & Freizeit

Schachmatt

Bündner Woche
05.09.2022, 04:30 Uhr
heute um 12:16 Uhr

von Lorena Tino

«König auf B2, Springer auf E4 und Turm auf F2», leitet Schachlehrer Urs Grazioli die Klasse an. Für die Schülerinnen und Schüler, zwischen sieben und fünfzehn Jahre alt, ist sofort alles klar. Sie folgen den Anweisungen. Das Ziel der Aufgabe an alle: Mit einem Zug zwei der schwarzen Figuren angreifen. Für Schachamateure ein Haufen wirrer Begriffe und Anforderungen. Für die Mitglieder des Schachclubs Chur klare Sache. Aber spulen wir ein wenig zurück.

Vor der Pädagogischen Hochschule in Chur begrüsst Peter Wyss, Vortstandsmitglied des Schachclubs Chur, und führt in ein Schulzimmer im ersten Stock. Auf den Tischen liegen einige Spielbretter bereit. Schachbretter. Hier wird bereits in wenigen Minuten das Jugendschach-Training des Schachclubs Chur stattfinden. Es ist ruhig. Sowohl im Gebäude als auch im Schulzimmer. Urs Grazioli, einer der Schachlehrer des Klubs, bereitet an der Tafel eine Übung vor. Nach und nach trudeln nun die schachbegeisterten Kinder ein. Die Ruhe schwindet.

Erst Theorie, dann Praktik

Zu Beginn des Trainings gibt es immer einen Theorie-Input. Ein Amuse-Bouche, wie es der Schachlehrer nennt. Dazu setzen sich die Kinder im Halbkreis vor die Wandtafel und studieren die gestellte Aufgabe. Lange dauert das aber nicht. Die Hände schnellen in die Höhe. Die Antworten stehen im Kopf bereits in der Warteschlange. Stimmen sie aber auch? Alle Schülerinnen und Schüler sind aktiv dabei und diskutieren angeregt über mögliche Lösungsansätze. «Überlegt euch gut, welche Züge folgen könnten», leitet Urs Grazioli die Klasse durch ihre Gedanken. Ein Vorschlag nach dem anderen wird eingeworfen, bis die Klasse schliesslich den Lösungsweg gefunden hat.

Das Amuse-Bouche verputzt, machen sich die Kinder in Zweiergruppen an die Praxis. Die Spielfiguren werden aus den kleinen Stoffsäcken auf die Tische geleert. Für kurze Zeit breitet sich ein Hagelgeräusch im Raum aus. Nun werden Spielsituationen auf den Brettern aufgestellt und gelöst. Die angeregten Diskussionen gehen weiter. Ein grosses Stimmenwirrwarr breitet sich im Schulzimmer aus. «Normalerweise ist es beim Schachspielen mucksmäuschenstill. Da wird man schon schief angesehen, wenn man nur husten muss. Mit den Kindern ist das aber ein wenig anders», verrät der erfahrene Schachspieler Urs Grazioli mit einem Lächeln auf den Lippen. Das Wichtigste sei, dass sie so viel wie möglich spielen. Die Theorie-Inputs seien auch wichtig, aber sollen nur so lange dauern, dass sie danach auch umgesetzt werden können.

Sogar ein olympischer Sport

Schach. Ein Spiel, das vermeintlich nicht mehr so viel Aufmerksamkeit geniesst, wie einst einmal. Trotzdem. Das Schulzimmer an jenem Donnerstagabend ist voll. Voll, mit interessierten Kindern, die das Spiel nach und nach erlernen und sich ihre eigenen Strategien aneignen. Logisches, vernetztes und vor allem vorausschauendes Denken ist gefragt. Doch woher kommt das Interesse? «Die meisten spielen zu Hause mit den Grosseltern oder den Eltern. Andere stossen in der Schule oder bei Freizeitangeboten wie dem ‹Ferienspass› darauf», weiss Peter Wyss. Bei ihm sei es ähnlich gewesen. Als er noch ein Kind war, spielte er oft mit seinem Vater. Dieser war natürlich viel stärker im Spiel und liess seinen Sohn nur hie und da mal gewinnen. «Als ich eines Tages merkte, dass ich wirklich gewonnen habe und mein Vater mir den Sieg nicht nur geschenkt hat, fing es an, Spass zu machen», erzählt er die Geschichte zu Ende.

Um die Frage zu klären, ob Schach ein Sport sei oder nicht, braucht Peter Wyss nicht lange: «Diese Antwort haben wir. Es ist ein Sport. Ein olympischer sogar». Weltweit gäbe es die meisten Publikationen zu diesem Sport. Laut dem Vorstandsmitglied könne nicht einmal Fussball da mithalten. So fern einem dieser Sport also scheint, nimmt er doch eine grosse Rolle in der Gesellschaft ein.

Beim Schach gibt es weder Würfel- noch Kartenglück. Nur die Folgen der eigenen Entscheidungen bestimmen den Spielverlauf und den Ausgang der Partie. Um diese gut treffen zu können, muss man viel üben und dran bleiben. So sind die jüngsten Mitglieder im Schachclub Chur sieben Jahre alt und das älteste Mitglied ist bereits über neunzig. «Das ist das Schönste am Schach. Man kann es ein Leben lang spielen», freut sich Peter Wyss.

Informationen unter www.schachclub-chur.ch.

 

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