Public Viewings nur im kleinen Rahmen
von Livia Jungo und Jessica Müller
Die diesjährige Fussball-WM 2022 in Katar gilt aufgrund des Standorts schon länger als umstritten. Dies zeigt sich nun auch bei den Public Viewings. In Chur sind bis zum aktuellen Zeitpunkt nur zwei offizielle Anlässe zum gemeinsamen Mitfiebern bekannt. Das Commanderzentrum organisiert im Jugendkeller an der Sennensteinstrasse Liveübertragungen zu den Gruppenspielen der Schweizer und der Deutschen sowie zu allen Spielen ab den Viertelfinals. Für die Verpflegung stehen Softdrinks, Bier, Punsch, Glühwein und Snacks bereit. Der Verein «Dritti Halbziit» hat sich während der Zeit der WM mit einem Public Viewing in die Räumlichkeiten der Postremise in Chur eingemietet. Der Eintritt kostet zehn Franken pro Person.
Auswirkungen der Energiekrise
An was das mangelnde Interesse für die Organisation von Public Viewings liegt, ist für Franz Caluori, Präsident von Gastro Graubünden, klar. «Das Wetter ist ungünstig, es ist kalt draussen. Deshalb wird es im Freien wohl keine Public Viewings geben. Auch spielt die Energiekrise eine grosse Rolle», sagte er gegenüber Radio Südostschweiz. Es mache wenig Sinn, jetzt grosse Heizstrahler in Arenen oder Zelten aufzubauen. «Die Heizpilze sind in Chur nur erlaubt, wenn sie durch erneuerbare Energien angetrieben werden», sagt Caluori. Der Gastropräsident zeigt sich trotzdem zuversichtlich. «Sobald die WM richtig anläuft und eine gewisse Euphorie auslöst, wird das eine oder andere Gastrounternehmen sicher noch spontan ein Public Viewing im Restaurantinnern veranstalten.» Ausserdem werde es darauf ankommen, ob sich die Schweiz gut schlägt. «Davon gehe ich jedoch aus», fügt Caluori hinzu. Er sei selbst Fussballfan und werde bei den Spielen ebenfalls mitfiebern.
Der Beitrag von RSO-Reporterin Jessica Müller:
Ein umstrittener Gastgeber
Das Ausbleiben von öffentlichen Veranstaltungen zu den Weltmeisterschaften hat nebst der Energiekrise auch noch weitere Gründe. Besonders die politischen Gegebenheiten stehen im Vordergrund. Die englische Zeitung «The Guardian» deckte im Februar vergangenen Jahres auf, dass seit dem Beginn der Bauarbeiten für die WM im Jahr 2010 mindestens 6500 ausländische Arbeiter ums Leben kamen. Einige Monate später vermeldete die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, dass es mindestens 15'000 Tote seien. Die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter müssten sieben Tage die Woche in 12- bis 14-Stunden-Schichten arbeiten. Viele kamen durch Hitze, Überbelastung und plötzliche Herzinfarkte ums Leben. Die Verantwortlichen der WM streiten diese Vorwürfe ab.
Wegen Diskriminierung verschiedener Menschengruppen sind zudem diverse Stimmen gegen Katar laut geworden. Frauen werden nach wie vor unterdrückt, Homosexualität ist verboten, und die Todesstrafe wurde bisher noch nicht abgeschafft. Zählt man all diese Kritikpunkte zusammen, könnte es gut sein, dass weder Energiekrise noch Temperaturen schuld sind, dass das Interesse an Public Viewings klein ist.