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Leben und Freizeit

Nur träumendes Gras?

Die DZ bat die evangelisch-reformierte Pfarrerin der Kirchgemeinde Altein, Claudia Bollier Hülsen, um  ihre Gedanken zum Osterfest.
Davoser Zeitung
16.04.2022, 22:27 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Weihnachten ist ganz einfach: Wir feiern die Geburt Jesu, das Leben das neu beginnt. Wenn ein Kind geboren wird, dann freut man sich. Karfreitag ist da schon schwieriger, auch wenn wir wissen, dass der Tod zum Leben gehört. Der Tod von Jesus ist zwar in seiner Brutalität schwer zu verstehen, aber ein Rätsel ist er nicht.

Ostern dreht die Sache um

Aber Ostern ist eine ganz andere Sache, da fehlt uns manchmal der direkte Bezug. Wir haben die Ostererzählungen, die von dem leeren Grab reden und davon, dass trauernde Menschen zurück zur Hoffnung und ins Leben fanden. Diese Frauen und Männer erzählten davon, dass Jesus nicht bei den Toten war, sie erzählten davon, dass Kräfte und Mächte umgedreht wurden: Tod war plötzlich Leben, Ohnmacht plötzlich Macht, und aus Hass wurde Liebe.

Ostern bringt Veränderung

Doch was genau geschah, ist nicht so einfach zu verstehen, wir können es nicht in unsere Welt einordnen. Es wird erzählt, dass die Welt und die Menschen sich änderten und es bis heute tun. Aus Angst wird Mut, dem Bösen wird die Hoffnung, dem Tod das Leben und die Liebe entgegengesetzt. Menschen fangen an zu vertrauen, wo sie es längst verlernt haben. Und so feiern wir Christen auch heute noch das Leben gegen den Tod. Wir feiern die Hoffnung, gegen die Hoffnungs­losigkeit, die Liebe gegen den Hass. ­Rational ist das nicht, es ist eine Herzenssache. Für uns Christen hat dieses Leben, diese Hoffnung und diese Liebe einen Namen: Jesus Christus. Und das Wort, das für all diese Verwandlung gebraucht wird, ist «Auferstehung».

Ostern ist ein Rätsel

Nein, Ostern lässt sich nicht so einfach einordnen, doch wir glauben, dass das Leben, die Liebe und die Hoffnung auch heute für uns gelten. Doch was bedeutet das für mich? Wie soll ich diese Geschichte verstehen?

Ich bin vor kurzem über ein kleines Foto gestolpert, das mich an Ostern erinnert hat: Da war ein grünes Schild darauf, wie man es in mancher Stadt findet: «Rasen betreten verboten». Doch hier stand ein anderer Text: «Bitte nicht stören, das kleine Gras träumt.» Gras, das träumt, was soll denn das sein? Soll man Rücksicht nehmen auf träumendes Gras? Den Rasen kann man betreten, wenn man sich nicht an die Regeln halten will, doch wer will schon «träumendes Gras» stören.

Ostern steht für Hoffnung

Was für ein Versprechen steckt hinter diesem kleinen Satz: Es ist nicht einfach nur kurzer Rasen, es ist Gras, das träumt und wächst. Was aus ihm wird, wird erst in Zukunft klar werden. In den Träumen ist alles offen, alles ist möglich – wer weiss!

Was für ein Versprechen steckt in der Ostergeschichte: Es ist nicht einfach nur eine alte Geschichte von einem leeren Grab, es ist die Hoffnung vom Leben und von der Liebe, die siegen wird. Es ist die Hoffnung auf einen Gott, der das Leben ist, auch gegen den Tod. Und wer diese Hoffnung hegt, der weiss: Alles ist möglich, wer weiss! 

Ostern steht für Träume

Auch die Bibel benutzt das Bild vom träumenden Gras, jedenfalls fast. Sie spricht vom kleinen Samenkorn und redet von Tod und Leben. Ein kleines Samenkorn wird in die Erde gelegt und stirbt dort – vielleicht träumt es aber auch schon. Denn irgendwann entspringt aus ihm neues Leben. Manchmal, da dauert es, doch das kleine Korn träumt schon von einer grossen Zukunft.

Und warum sollte ich dies nicht auch dürfen – träumen, vertrauen und hoffen, dass nicht das Böse, der Hass, der Tod und die Verzweiflung das letzte Wort haben. Warum sollte ich nicht hoffen und vertrauen, dass Gott stärker ist und ­Leben, Liebe und Zukunft will?

Ostern steht für das Leben

Ja, manchmal, da sind die Zeiten rau, und der Schnee kommt, und die kleine Pflanze wird beim Träumen gestört, aber das Leben ist dennoch stärker. Angesichts des Leides und all der Ängste in dieser Welt gilt das Ver­sprechen von Ostern weiterhin für uns: Das Leben ist stärker als der Tod.

Ostern ist ein Versprechen

So muss Ostern sein, habe ich mir ­gedacht: Bitte nicht stören, denn es ist die Zeit des Träumens, die Zeit des Versprechens, trotz allem – trotz Schnee, trotz denen, die über das kleine Gras trampeln, trotz Angst und Not. Also lassen wir uns nicht stören, sondern träumen wir mit, davon, was alles möglich ist, wenn die Hoffnung, das Leben und die Liebe das letzte Wort haben. Und vertrauen wir darauf, dass wir denselben Mut geschenkt bekommen wie die Menschen damals am Grab: den Mut des Lebens gegen den Tod. Hören wir auf diese Geschichte, die uns sagt: Suche die Liebe, suche das Leben in all seinen Schönheiten. Schau dem Gras beim Träumen zu und folge der Hoffnung. Vertrau darauf, der Lebende ist nicht bei den Toten, das Grab ist leer. Gott ist stärker als all das, was uns am Leben hindern will.

Ostern ist Auferstehung

Ja, vielleicht ist es nur träumendes Gras und das mit der Auferstehung eine schwer zu verstehende Sache. Aber wenn wir uns getrauen zu träumen, zu hoffen und zu vertrauen, dann kann es sein, dass sich die Welt ändert und wir mit ihr. Dann kann es sein, dass «Auferstehung» sehr viel mehr ist als ein altes Wort.