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Leben & Freizeit

Nur mit Ersatzunterhosen angekommen

Barbara Gassler
08.05.2022, 07:17 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Das rund eine Viertelmillion Einwohner zählende Sumy im Nordosten der Ukraine, unmittelbar an der Grenze zu Russland gelegen, ist die Heimat von Iryna Fopp. Sie spricht sowohl Russisch wie Ukrainisch fliessend, liebt russische Literatur. Die Sprachen sind nahe verwandt, etwa so wie Spanisch und Portugiesisch oder Niederländisch und Deutsch. «Heute», erzählt sie, «wollen alle nur noch Ukrainisch lernen – und sei es nur, um den russischen Präsidenten Putin zu ärgern.» Dessen Kalkül beim Überfall sei nicht im Geringsten aufgegangen. Die Ukrainer würden die Russen nur noch als Invasoren sehen. Iryna sitzt mit ihrem Mann Beat in einer Wohnung gleich neben der eigenen. Auf dem Sofa gegenüber kauern ihre Cousine Tanja und Ina. Die beiden Frauen sind die Grossmütter der zwei kleinen Mädchen, die herumtollen. Sonja ist sieben und wurde gerade eingeschult, ihre kleine Schwester Wasilisa wird demnächst drei. Bis zum 24. Februar lebten die beiden noch ein unbeschwertes ­Kinderleben. Dann begann der Angriff, russische Soldaten marschierten in ihrer Stadt ein, und sie mussten lernen, wie man sich bei einem Bombenangriff im Keller versteckt. Zuerst hätten sie noch zugewartet, wollten sehen, wie sich die Situation entwickle, erzählen die Frauen. Sie hätten die Scheiben verklebt und das tägliche Verdunkeln mitgemacht. Dann hätten sie gelauscht und auf die Explosionen gewartet. Doch als bei einem Angriff in unmittelbarer Nähe 22 Menschen getötet wurden, entschied die Familie, dass die Grossmütter die Kinder in Sicherheit bringen sollten, während die Eltern zurückbleiben und ihr Land verteidigen würden. Iryna: «Sie kümmern sich auch um meinen Vater, der nicht reisen kann.» Die Gruppe durfte sich einer Evakuation durch eine jüdische Organisation anschliessen, den Mädchen wurde gesagt, dass man die Tante in der Schweiz be­suche.

Mit der Angst im Genick

«Je weniger Gepäck, umso mehr Platz für Menschen», beschreiben sie die zweitägige Reise, die sie an die polnische Grenze brachte. Eingepackt hatten sie neben ihren Papieren ein paar Decken für die Kinder, deren Lieblingsspielsachen sowie je ein Paar Ersatzunterhosen. «Die Decken hatten wir dabei, sollten uns russische Soldaten in der Eiseskälte aus dem Bus holen.» Dann organisierte und bezahlte Iryna die Weiterreise über Warschau und Wien bis Zürich, wo sie ihre Familie schliesslich abholte. Seit dem 14. März sind sie nun in der Schweiz, geniessen es, angstfrei schlafen zu können, und die Kinder haben sogar schon erste Freundschaften geschlossen. Im sankt-gallischen Altstätten wurden sie registriert und mit einem amtlichen Schreiben ­ausgestattet, das ihnen gratis Zugang zu medizinischer Hilfe gewährt. Die für die Erteilung des Schutzstatus S notwendige Erfassung der biometrischen Daten soll Ende Monat in Chur erfolgen. Die KESB schaltete sich ein, um abzuklären, ob die beiden Kinder eine Beistandschaft benötigen. Seit die Vier in der Schweiz angekommen sind, kümmern sich jedoch die Fopps um all ihre Belange. Und sie tun es gern. «Wir sind froh, helfen zu können.»

Den Krieg im Herzen

Vor 16 Jahren war Tanja schon einmal in der Schweiz gewesen. «Doch jetzt sind wir im Schlaraffenland gelandet.» Von ­allen Seiten würden sie Hilfe erfahren, und den Kindern hätten noch nie so viele Spielsachen zur Verfügung gestanden. Sie würden die Ausflüge in die Natur geniessen. Über das Internet schafft es Sonjas Lehrerin aus Sumy sogar, ihrer überall hin verstreuten Schülerschaft regelmässigen Unterricht angedeihen zu lassen. Dennoch ist die Zeit keine unbeschwerte. Am Bildschirm mitten im Wohnzimmer läuft ukrainisches Fernsehen, bringt Tagesaktualität, Sonja stellt Fragen. Sie weiss, dass die Eltern im Krieg zurück geblieben sind. «Wir alle tragen den Krieg im Herzen mit», sagt Tanja. Zu einem Lächeln kann sie sich nicht durchringen.

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