Nichts Endgültiges
von Laura Kessler
Es war vor fünf Jahren. Wir lernten uns an meinem Schreibtisch kennen. Ich hatte ein IT-Problem, sie half mir. Ich fragte sie, ob ich Hochdeutsch sprechen soll. Sie verneinte. Wahrscheinlich musste sie diese Frage schon unzählige Male beantworten. Ich nahm ihren Akzent wahr, einen östlichen. Ich fragte, woher sie kommt. Sie sagte es mir, ich vergass es wieder. War es Polen, Tschechien? Eigentlich auch gar nicht so wichtig. Vlada Kaplun war unsere IT-Supporterin und darin richtig gut. Freundlich, hilfsbereit, offen.
Im Februar änderte sich alles. In der Ukraine brach der Krieg aus. Seither wissen alle, woher Vlada kommt. Vieles ist nun anders. Vlada aber ist die Gleiche geblieben. Irgendwie. Und irgendwie auch nicht.
Ich treffe sie. Ihre Frisur ist eine Neue, ihr Lachen das Alte. Wir spazieren über den Rossboden, vorbei an bunten Bäumen und grünen Armeepanzern. Romantik und Realität. Treffend, masst man sich an, die Gefühlslage von Vlada Kaplun einzufangen. Sie erinnert sich an die Ukraine ihrer Kindheit, eine schöne Kindheit, wie sie sagt. Und sie erinnert sich an die Ukraine im September. Viel Zerstörung, viel Schockierendes. Romantik und Realität.
Ein doppelter Abschied – kein Abschied
Wir nehmen auf einer Bank Platz, den Blick aufs Herbstlaub und den vorbeirauschenden Rhein gerichtet. Wir sprechen übers Abschiednehmen. Irgendwie nimmt Vlada doppelt Abschied von ihrer Heimat. Einmal, als sie vor über zehn Jahren in die Schweiz migrierte. Und nun wieder. Ein Abschied von ihrem Land, das wohl nie mehr so sein wird, wie es noch vor wenigen Monaten war. So denke ich es mir. Doch Vlada korrigiert mich. Abschied habe sie nie wirklich genommen. «Für mich war und ist das kein Abschied. Meine Freundinnen, Freunde und Verwandten leben immer noch in der Ukraine, ich pflege den Kontakt und besuche sie regelmässig», erzählt sie. Abschied sei etwas Endgültiges. Endgültig ist für sie nichts. Die Ukraine bleibe ihre Heimat, egal, wie alt sie sei oder wohin es sie verschlage. «Und die Schweiz ist auch zu meiner Heimat geworden», sagt sie. So gesehen ein Gewinn.