Nicht nur am Frauenstreik
von Susanna Bosch
Dieses Jahr haben nebst feministischen Streikkollektiven auch mehrere Gewerkschaften zum landesweiten feministischen Streik aufgerufen. Ziel ist es, an die grossen Mobilisierungen von 1991 und 2019 heranzukommen. Mehrere hunderttausend Menschen gingen damals auf die Strasse, um feministische Forderungen laut zu machen. Ähnlich hohe Zahlen sind im Schweizer Arbeitskampf erst einmal erreicht worden: am landesweiten Generalstreik von 1918.
Vor bald 105 Jahren rief das Oltener Aktionskomitee (OAK), damaliger Führungsstab der Arbeiterschaft, am 11. November 1918, zum ersten Landesstreik in der modernen Geschichte der Schweiz aus. Über eine Viertelmillion Menschen im ganzen Land legten am Folgetag ihre Arbeit nieder. Sie forderten unter anderem eine 48-Stunde-Woche, Nationalratswahlen nach dem Proporzsystem, die Einführung einer Altersvorsorge und das Stimm- und Wahlrecht für Frauen.
In den Städten häuften sich Proteststreike
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges hatten politische Protestaktionen und Demonstrationen in ganz Europa zugenommen. So auch in der Schweiz. Die Lohnabhängigen waren von grossen Einkommensverlusten betroffen, während die Preise weiter anstiegen und es an Lebensmitteln und Wohnraum fehlte. In den Wochen vor dem Landesstreik wurden die Stimmen nach sozialen und politischen Veränderungen lauter. In den Städten häuften sich Proteststreike, die bürgerliche Revolutionsängste hervorriefen. Die Stadt Zürich wurde militärisch besetzt, mitunter zur Einschüchterung der Arbeiterschaft. Aus Solidarisierung und Protest gegen die Repression proklamierte das OAK einen unbefristeten Generalstreik.
Felix Calonder, damaliger Bundespräsident und erster Rätoromane in der Landesregierung, reagierte unmittelbar und beantragte im Namen des gesamten Bundesrates die ultimative Beendigung der Arbeitseinstellung. Dennoch hielt der Streik drei Tage lang an und wurde von einem massiven Armeeeinsatz begleitet. Mehr als 95 000 Soldaten wurden dazu aufgerufen, «für Ruhe und Ordnung zu sorgen». Am Tag der Niederlegung des Streiks wurden in Grenchen, Solothurn drei junge Uhrenarbeiter erschossen.