In Braunwald etwas über Flechten lernen
Sie blühen nicht und ihr Aussehen scheint flüchtig betrachtet wenig spektakulär: Manche Flechten an Zaunpfosten erinnern an abblätternde Farbe, andere auf Steinen an plattgewalzte Kaugummis. Diesen Lebewesen einen Lehrpfad zu widmen, braucht Mut. Zumindest auf den ersten Blick. «Flechten sind faszinierende Doppelwesen», rühmt Tobias Kalt, Fachspezialist Waldbiodiversität bei der kantonalen Abteilung Wald und Naturgefahren, die weitverbreitete, aber kaum bekannte Artengruppe.
Tatsächlich handelt es sich bei Flechten um eine Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Algen, seltener einem Bakterium. Die unterschiedlichen Partner sind so eng ineinander verflochten, dass sie als ein einziger Organismus funktionieren. Rund 2000 Flechtenarten sind in der Schweiz bekannt. Noch immer werden neue entdeckt. Im feuchten Klima des Kantons Glarus gedeihen besonders viele. Das wurde 2021 durch eine Untersuchung in Glarus Nord erneut bestätigt. Auch viele seltene Flechten kommen bei uns vor, darunter 20 baumbewohnende Arten, deren Schutz nationale Priorität hat. Dies sei mit ein Grund, warum die Abteilung Wald und Naturgefahren Flechten ins Scheinwerferlicht rücke, erklärt Kalt. «Sie haben eine grosse Bedeutung für die Naturvielfalt im Wald.» Dafür wolle man sensibilisieren.
Gefährdete Spezialisten
Viele Flechten sind auf eine naturnahe Bewirtschaftung der Wälder angewiesen. Einige gedeihen nur auf sehr alten Bäumen. Ihr Vorkommen hilft Förstern, solche ökologisch wertvollen Biotopbäume zu erkennen und zu fördern. Obwohl Flechten oft an Extremstandorten gedeihen, gilt: Je spezialisierter eine Art ist, desto eher ist sie durch negative Umwelteinflüsse gefährdet. So freut es, dass die Echte Lungenflechte Lobaria pulmonaria, eine Zeigerart für gute Luftqualität, in Braunwald vorkommt. Sie ist eine der Arten, deren Besonderheiten der neue Lehrpfad offenbart.