Neue Museumsdefinition: «Das Museum soll eine Plattform sein»
von Cindy Ziegler
Die Museumswelt ist in Bewegung. Nicht nur, dass im Sommer eine neue Museumsdefinition verabschiedet wurde (siehe Box). Im Allgemeinen scheint es, als würden sich die Institutionen modernisieren. Die «Büwo» hat mit Andrea Kauer, Direktorin des Rätischen Museums und Vorstandsmitglied des Verbands Museen Graubünden, über Vergangenheit und Zukunft der (Bündner) Museen gesprochen.
Frau Kauer, was soll ein Museum heute leisten?
Andrea Kauer: Es gibt ja diese neue, internationale Museumsdefinition, die auch wir vom Verband der Museen Schweiz unterzeichnet haben. Im Gegensatz zur früheren Definition fokussiert die neue stärker auf das Partizipative. Also darauf, dass ein Museum nicht nur ein Ort der Bildung ist, sondern auch eine Plattform sein soll, wo gesellschaftliche Fragen diskutiert werden können. Ein Ort, wo auch die Besucherinnen und Besucher eingebunden sind. Auch das immaterielle Kulturerbe gewinnt zunehmend an Bedeutung. Diese lebendigen Traditionen haben Auswirkungen auf das Schaffen im Museum. Die Transformation zur neuen Definition war übrigens ein langjähriger und spannender Prozess.
Positive Auswirkungen?
Im Fall des Rätischen Museum kann ich sagen, dass wir das begrüssen, ja.
Man kommt also weg vom reinen Bewahren und Sammeln.
Nein, so würde ich das nicht sagen. Es gibt vier wichtige Stichworte, wenn es um die Kernaufgaben eines Museums geht: Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln. Diese Punkte bleiben wichtig. In einem vorhergehenden Entwurf einer neuen Definition, der dann nicht angenommen wurde, bewegte man sich weit weg von diesen Kerngebieten. Die vier Themen sind nun auch in der neuen Definition drin. Aber das Vermitteln soll keine Einbahnstrasse mehr sein. Es geht vielmehr darum, dass viele Stimmen Gehör finden sollen.
Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet, dass Museen vermehrt gesellschaftliche Diskurse aufgreifen und thematisieren. Wir haben das in diesem Jahr in mehreren Ausstellungen versucht. So zum Beispiel mit der Exposition zum Thema Solddienst, wo natürlich die jüngsten politischen Entwicklungen in Europa ganz neue Zugänge und Anknüpfungspunkte geboten haben. Leider, muss man sagen.
Wie wird die verstärkte Teilhabe der Besuchenden im Rätischen Museum umgesetzt?
Das ist eine Herausforderung, die auch mit einem neuen Rollenverständnis von uns Fachleuten einhergehen muss. Als Kurator oder Kuratorin kann man vieles steuern, und gleichzeitig, wenn man die neue Museumsdefinition ernst nimmt, bedeutet das auch, dass man durchlässiger werden muss. Dass man sich überlegt, wie man beispielsweise das Publikum zu Wort kommen lassen kann. Gerade wenn es um die lebendigen Traditionen geht, dann haben nicht wir im Museum die Expertise, sondern sie ist anderswo zu finden.
A museum is a not-for-profit, permanent institution in the service of society that researches, collects, conserves, interprets and exhibits tangible and intangible heritage. Open to the public, accessible and inclusive, museums foster diversity and sustainability. They operate and communicate ethically, professionally and with the participation of communities, offering varied experiences for education, enjoyment, reflection and knowledge sharing.»Die neue Museumsdefinition aus dem Jahr 2022
Was sind Herausforderungen, denen sich Museen in Graubünden stellen müssen?
Ich denke, es sind dieselben Herausforderungen, die sich durch die neue Museumsdefinition allen Museen stellen. Inklusion, Teilhabe und Nachhaltigkeit. Graubünden ist ein Kanton, der eine reiche Vielfalt an Museen hat. Es sind fast 140 Museen und Kulturarchive, die zusammengefasst sind im Verband der Bündner Museen. Gerade was das Partizipative angeht, habe ich den Eindruck, dass die kleinen Museen den grossen oftmals voraus sind.
Sind es also die kleinen Museen, die die Bündner Museumslandschaft prägen?
Absolut. Sie sind die grosse Mehrheit. Die kleinen Museen sind diejenigen, die vor Ort sind und eine Rolle spielen in den Tälern, Dörfern und in der Nachbarschaft. Das birgt riesiges Potenzial.
Aber es ist sicher auch schwierig, dass die neue Museumsdefinition für alle Museumstypen gelten soll, oder?
Ja, das ist so. Und das gilt ja nicht nur innerhalb Graubündens, sondern weltweit. Der alten Museumsdefinition wurde vorgeworfen, dass sie zu sehr die westliche Perspektive eingenommen und zu wenig berücksichtigt hat, dass es anderswo auf der Welt Institutionen gibt, die ganz anders arbeiten. Das machte es auch so anspruchsvoll, zu einer neuen Definition zu finden. Ich finde aber, es ist gut gelungen, das Beste aus der alten mit den neuen Stossrichtungen in der jetzigen Formulierung zu vereinen.
In Graubünden geschieht ja im Moment noch anderes rund um die Museen. Die Marke «graubündenCultura» soll zu einer Museumsmarke werden. Warum nun diese Marke für alle?
Das stimmt. Es wurde jetzt gerade eine Vereinbarung erarbeitet zwischen der Tourismusmarke «graubündenCultura» und dem Bündner Museumsverband. Ich glaube, man wird sich je länger desto bewusster, welche grosse Rolle Kultur auch im Tourismus spielt. Wir leben in Zeiten, in denen der Schnee nicht mehr so selbstverständlich vorhanden ist. Entsprechend ist ein Umlernprozess im Gang. Man besinnt sich auf die Stärken, die wir im Kanton sonst noch haben. So zum Beispiel fast 140 Häuser, in denen Kultur stattfindet. Das ist ein unheimlicher Reichtum.
Sie sind heute Museumsfachfrau. Können Sie sich noch erinnern, als Sie zum ersten Mal ein Museum besucht haben?
Ich kann mich gut daran erinnern, als ich zum ersten Mal alleine ein Museum besucht habe. Das war das Landesmuseum in Zürich und ich etwa elf Jahre alt. Rückblickend haben mir die Ausstellungen, die man heute aus museologischer Perspektive nicht mehr so machen würde, am besten gefallen. Den Rittersaal mit den Speeren und den Rüstungen fand ich irrsinnig. Und die altmodische Trachtenausstellung. Daran kann ich mich bis heute erinnern.
Dann also doch das klassische, etwas verstaube Bild von Museum.
Mich hat das überzeugt. Was mich damals fasziniert hat, und was ich bis heute für die grösste Stärke im Museum halte, ist das Original. Das Objekt. Zu wissen, dass der Speer einst von einem Menschen im Mittelalter in der Hand gehalten wurde. Das ist, was keine andere Institution so transportieren kann: die Aura des Originalen. Meine Kinder lassen sich übrigens heute so von den Objekten berühren wie ich damals.
Die neue Rollen der Museen
Im Rahmen der 26. Generalkonferenz des Internationalen Museumsrats ICOM wurde Ende August in Prag die neue Museumsdefinition verabschiedet. Diese wird nicht nur inhaltlich wegweisend sein für die Museen, sondern ist in der Schweiz auch in der Verordnung des Eidgenössischen Departements des Innern über das Förderkonzept für die Unterstützung von Museen, Sammlungen und Netzwerken Dritter verankert. Wie es auf «museums.ch» heisst, sei die neue Museumsdefinition mit überwältigender Mehrheit verabschiedet worden. Die obenstehende Definition (englisch) ist das Resultat einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit der Rolle und Funktion von Museen. Letztmalig wurde die Definition im Jahre 2007 angepasst. Diese lautete damals sinngemäss: «Ein Museum ist eine dauerhafte Einrichtung, die keinen Gewinn erzielen will, öffentlich zugänglich ist und im Dienst der Gesellschaft und deren Entwicklung steht. Sie erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zweck von Studien, der Bildung und des Genusses.»