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Leben & Freizeit

Der Wind ist Herr über die Wechten

Südostschweiz
22.03.2023, 04:30 Uhr
heute um 16:30 Uhr

Begehrtes Fotomotiv, aber tückisch für Wanderer, Skitourengeherinnen und Bergsteiger. In etwa so könnte man Schneewechten kurz beschreiben. Wechten können brechen und Menschen in die Tiefe reissen. Und sie können Lawinen auslösen. Ihre Entstehung ist bislang nicht sehr intensiv erforscht worden. Das lag gemäss dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos auch daran, dass es oft Tage oder gar Wochen dauert, während denen die Wechte entsteht, und dass sich die Bedingungen dabei ständig ändern.

Diese Forschungslücke schliessen möchte nun ein Team rund um den Schneephysiker Benjamin Walter und die Ingenieurin Hongxiang Yu vom SLF. Dazu modellierten die Forschenden einen Grat ein Schnee und stellten ihn in den Windkanal, wie einem Bericht des SLF zu entnehmen ist. Die institutseigene Schneemaschine «Snowmaker» lieferte dafür die erforderlichen Schneekristalle, die Walter und Yu für ihre Forschung im ringförmigen Kanal bei unterschiedlichen Windgeschwindigkeiten zirkulieren liessen. Diese Bedingungen, so das SLF-Team, seien nah an der Realität. Bei der richtigen Geschwindigkeit entsteht langsam eine Wechte am Modellgrat. Die wichtigste Erkenntnis des Forschungsteams: Wechten entstehen am ehesten bei mittleren Windgeschwindigkeiten. Weht zu wenig Wind, lagert sich der Schnee gleichmässiger im Gelände ab. Bläst der Wind zu stark, trägt er den Schnee weit über das Hindernis hinweg. Denn Wechten benötigen einen Grat, an dem sie sich bilden. Dort entstehen sie an der Leeseite, der windabgewandten, in der Regel steileren Seite. Dieses Resultat bestätige, was Forschende bislang nur in der Natur beobachtet haben, so Walter. «Das hilft uns, künftig vorherzusagen, wann und wo sich Wechten bilden und wann sie wieder kollabieren.»

Weiter gehts mit der Temperatur

Als Nächstes wird sich das Forschungsteam mit der Temperatur und deren Einfluss auf die Entstehung der Wechten beschäftigen. Walter möchte dazu bei konstanter Windgeschwindigkeit die Temperatur variieren, um zu verschiedenen Temperaturen die jeweils ideale Windgeschwindigkeit für den Aufbau einer Wechte herauszufinden. Danach kann das Forschungsteam mit dem Hindernis spielen. «Die Form des Gratmodells sollte ein weiterer kritischer Faktor sein», so Walter.

Wechten sind für Skitourengeherinnen und Bergsteiger besonders tückisch, weil der flachere Scheitel der Wechte oberhalb des Wechtenspaltes günstig zum Betreten erscheint – aber genau dort kann die Wechte abbrechen. Der Wechtenspalt – eine Art Sollbruchstelle einer Wechte – ist ein meist von Schnee überdeckter Spalt zwischen der Schneedecke auf der Luvseite und der auf der Leeseite überhängenden Wechte.