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Leben & Freizeit

«Chur ist für mich eine sehr spannende und attraktive Stadt»

Bündner Woche
24.03.2023, 04:30 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

von Susanne Turra

Seit elf Jahren lebt sie in der Schweiz. Und seit zwei Wochen ist sie in Chur: Anne Pfeil. In Bonn, Westdeutschland, aufgewachsen, hat sie in Berlin studiert. Später in Dresden gewirkt und dort  ihren Mann kennengelernt. Einen Schweizer. Und so hat Anne Pfeil oft in Graubünden Halt gemacht. Im Oberengadin Zeit verbracht. Acht Jahre lang war sie stellvertretende Stadtarchitektin in Zug. Nun ist sie Stadtarchitektin von Chur. Über ihre Tätigkeit hier kann Anne Pfeil noch nicht viel sagen. Sie ist noch keine 100 Tage im Amt. Aber über ihre Visionen und die Qualität einer Stadt redet sie gerne.

Viele bauliche Geschichten

«Chur ist für mich eine sehr spannende und attraktive Stadt», betont Anne Pfeil gleich zu Beginn. Sie sitzt im Churer Stadthaus und erzählt. «Hier sind aus jeder Zeit Bauzeugen und Quartiere zu sehen und  diverse baulich-räumliche Identitäten zu erkennen. Chur hat viele bauliche Gesichter.» Das gefällt der Architektin. «Die Stadt soll in erster Linie ein Lebensraum für die Menschen sein», findet sie. Und da gehören viele Aspekte dazu. Es geht um Lebensqualität und Identität. Und um Schönheit. Darauf wirft Anne Pfeil einen ganz besonderen Blick. Sie hat nämlich nicht nur Architektur, sondern auch Biologie studiert. «In der Biologie hat die Schönheit eine Funktion», sagt sie. «Sie ist Zeichen dafür, dass etwas gut und passend ist für den Menschen. Und somit schön. Auch die Ökologie gewinnt an Bedeutung.» In einer Stadt geht es aber auch um Verbundenheit. Und Wohlfühlen. Nicht für alle Einwohnerinnen und Einwohner ist Chur die Heimatstadt. Aber sie soll zu ihrer Stadtheimat werden. So oder so. Es gibt viel zu tun für die Stadtarchitektin. «Nicht nur für mich», betont diese und lacht. «Da gehören verschiedene Akteurinnen und Akteure dazu. Und es trägt niemand die alleinige Verantwortung.» Es ist ein Miteinander. Ein Mitgestalten.

Die Stadt als Orchester

«Eigentlich ist es wie bei einem Musikensemble», bringt es die Stadtarchitektin auf den Punkt. «Es gibt die Solistinnen und Solisten. Die können toll spielen. Aber die Stadt ist ein ganzes Orchester. Da braucht es alle Stimmen. Laute, leise, tiefe und hohe.» Nur wenn dieses Zusammenspiel funktioniert, kann Grossartiges entstehen. Anne Pfeil zeigt es vor. Sie greift nach einem kleinen Stück Holz, das die Form eines einfachen Hauses hat. Zahlreiche davon sind auf ihrem Tisch in einem Kreis aufgestellt. «Der Baustein einer Stadt ist das Haus», sagt sie. «Hier wohnen und arbeiten Menschen.» Daher ist es wichtig, dass die Häuser untereinander in Beziehung treten. Je nachdem wie sie stehen, spannen sie einen Aussenraum auf. Dabei bildet jedes Haus mit seiner Aussenwand die Innenwand dieses Raums. Das ist der Begegnungsraum. Und der muss gut sein. «Das ist der Kitt der Stadtgesellschaft», sagt Anne Pfeil. «Es geht nicht allein um die Baukörper. Es geht auch um den Raumkörper.» Die Stadtarchitektin stellt das kleine Holzhaus nahe an ein anderes. Und rückt es wieder ein bisschen beiseite. Es ist ein Ausprobieren. Ein Komponieren.

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Bauen, wo schon etwas ist

Und die Vision? «Ziel ist, dass wir gemeinsam an dem hochwertigen Lebensraum weiterbauen», so die Stadtarchitektin. «Diesen bauen wir aber nicht nur für uns, sondern auch für die nachfolgenden Generationen.» Dabei ist die Ausgangslage heute eine andere als früher. Lange hat man die Städte immer wieder am Stadtrand erweitert. Nach aussen. Es sind Wohnsiedlungen entstanden, wo noch nichts war. Heute wird gebaut, wo schon etwas ist. Nach innen. Und das macht die Sache nicht einfacher. Es leben ja schon Menschen da, die betroffen sein können von diesen Massnahmen. Damit das funktioniert, ist an das Vorgefundene anzuknüpfen und Bewährtes weiter zu entwickeln. «Die historischen Ortsteile und die jüngeren Quartiere unterscheiden sich fundamental», betont Anne Pfeil. «Und genau darin liegt ja die Qualität.» Die Verschiedenheit. Infrastruktur. Naherholung. Auch der Bildungsplatz. Das alles belebt eine Stadt. Es muss nicht alles überall möglich sein. Aber es braucht Angebote und Freiräume, die unterschiedlich genutzt werden können. Orte, an denen sich die Menschen zu verschiedenen Zeiten gerne aufhalten. Und an denen sie unterschiedliche Dinge machen und erleben können. Ihren Bedürfnissen entsprechend. Denn: «Die Menschen sind genauso vielfältig wie die Häuser einer Stadt», so Anne Pfeil.

Das ideale Haus gibt es nicht

Wie auch immer. Chur will zukünftig nach innen wachsen. Urbaner werden. So steht es im Stadtentwicklungskonzept Chur 2050. Und die Stadtarchitektin möchte die Chance nutzen, die bestehenden Quartiere noch besser zu machen. «Ich verschaffe mir jetzt einen Überblick innerhalb der Verwaltung. Lerne die Akteurinnen und Akteure in der Stadt kennen. Und möchte mit ihnen ins Gespräch kommen», erzählt Anne Pfeil. «Und ich gehe nach draussen. Mache mir ein Bild vor Ort.» Die Stadtarchitektin geht zum Fenster und schaut hinaus. In Richtung Altstadt. «Ein Hochhaus passt nicht in die Altstadt. Und ein Altstadthaus macht sich neben einem Hochhaus in Chur West nicht gut», sagt sie. Das ideale Haus gebe es nicht. Wenn es das gäbe, dann hätten alle dasselbe Haus. So oder so. Eines ist klar. «Was da draussen entsteht, hat nicht nur mit Planung und Umsetzung zu tun», schliesst Anne Pfeil. «Letztlich ist es ein Abbild davon, wie wir miteinander umgehen.»

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