Subtil
von Cindy Ziegler
Die Vögel auf dem Daleu-Friedhof in Chur baden sich in der warmen Mittagssonne. Der Frühling liegt am letzten Mittwoch im Februar schon in der Luft. Er bringt Leben ins Gebiet der Toten. Eine Frau legt einen Strauss frischer Blumen auf ein Grab mit schlichtem Holzkreuz. Ein Mann spaziert zwischen den Bäumen und den imposanten, grossen Grabsteinen auf der anderen Seite des Friedhofs umher. Ein Ort der Besinnung und der Andacht. Ein Stück Ruhe in der Stadt, die sich mit mobiler Geräuschkulisse lautstark bemerkbar macht. Schnell merkt man, der Friedhof ist nicht nur Stillstand, sondern auch Bewegung.
Jüngst noch mehr als sonst. Ein Artikel von SRF-Investigativ-Journalistin Stefanie Hablützel brachte dem Friedhof wohl noch ein paar Gäste mehr. Neugierige, Interessierte, Verblüffte. Um was geht's? Auf dem Daleu-Friedhof steht ein etwa vier Quadratmeter hohes Denkmal. Zwei mal zwei Meter, aus Stein gehauen und mit Moos überwachsen. Ein Denkmal, das an die internierten deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg erinnert. Nur, dass es das nur auf den ersten, oberflächlichen Blick tut. Weitet man die Sicht und löst sich von den verwitterten Lettern, tut sich eine andere Dimension auf. Unbemerkt, unscheinbar, subtil. Das SRF deckte auf: Der Stein des Anstosses ist das erste und bisher einzige entdeckte nationalsozialistische Denkmal in der Schweiz.
Man erkennt die tiefere Bedeutung tatsächlich nicht auf den ersten Blick»Tino Schneider
Wie kommt's? Das fragte sich auch Tino Schneider. Der junge, gross gewachsene Mann ist Historiker und Mitglied des Churer Gemeinderats. Auch er hat erst durch den SRF-Artikel vom Stein erfahren. An jenem Mittwoch sieht er das Monument zum ersten Mal. Und er ist überrascht. Von der Unscheinbarkeit des Denkmals. Und von dessen Grösse. Mit einer Hand fährt er von seinem Kopf in gerader Linie in Richtung Stein. Dieser überragt ihn um wenige Zentimeter. «Man erkennt die tiefere Bedeutung tatsächlich nicht auf den ersten Blick», sagt er dann, als er mit den langen Fingern über die Buchstaben und den abgebildeten Reichsadler streicht. Als er durch den Artikel vom Denkmal erfahren hatte, war er der Meinung, dass man die Verbindung zu den Nazis hätte sehen müssen. Und jetzt, wo er selbst davor steht, kann er verstehen, dass man es nicht tat.
1938 stellte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge den Stein auf dem Daleu-Friedhof auf. Seit 1919 kümmerte sich die Organisation um die Pflege von deutschen Soldatengräbern. «Ab 1933 war der Bund stark unterwandert und hat sich der nationalsozialistischen Ideologie unterworfen», erklärt Tino Schneider mit Blick auf den Stein. «Hier ruhen Deutsche Soldaten» steht darauf. Zwei Millionen von ihnen fielen im Ersten Weltkrieg. Ihr Tod wird wenig später von den Nazis als Teil eines Heldenkults missbraucht, um den folgenden Zweiten Weltkrieg zu legitimieren. Nach der Ideologie der Nationalsozialistinnen und -sozialisten sei Deutschland nämlich mit dem Friedensvertrag von Versailles um den Sieg betrogen worden. «Im Nationalsozialismus wurde schon immer stark mit Symbolen und Symbolik gearbeitet, um die Propagandamaschinerie zu füttern», erklärt Tino Schneider. So auch beim Nazistein auf dem Daleu-Friedhof. Ein grosser Stein, der an ein Mausoleum erinnert. Gross, mächtig und nur vermeintlich zu Ehren der Soldaten, die tatsächlich dort begraben sind. Erst durch die Recherche von SRF wurde man sich auch in Chur der Tragweite des Steins bewusst, der im Lauf der Jahre immer mehr Moos ansetzte – buchstäblich und metaphorisch.
Tino Schneider hat Anfang Februar einen Auftrag an den Churer Gemeinderat gerichtet. Er und die Mitunterzeichnenden verlangen die Aufarbeitung der Geschichte des Gedenksteins und reklamieren, dass weder nach dem Zweiten Weltkrieg noch heute eine kritische respektive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gedenkstein stattgefunden habe. Im Auftrag steht: «Es ist unerlässlich, dass die Geschichte hinter diesem Stein auf öffentlichem Grund professionell aufgearbeitet und eine offene beziehungsweise ehrliche Geschichtsvermittlung vor Ort nach historischen Standards in Angriff genommen wird.» Der Historiker denkt dabei daran, den Stein als Zeitzeugen stehenzulassen und mit einer Tafel auf dessen Hintergründe hinzuweisen. Das sei insofern wichtig, als dass bisher keine vollständige Aufarbeitung bezüglich der Geschichte des Nationalsozialismus in Graubünden und der Rolle des Kantons stattgefunden habe.
Dass die Verstrickungen vielfältig gewesen sein müssen, daran zweifelt Tino Schneider nicht. Graubünden stand damals mit Österreich und Italien als Nachbarn zwischen zwei Ländern mit faschistischem Gedankengut und diktatorischer Führung. Nur schon von der Lage her müsse es da Verbindungen gegeben haben. Noch dazu galt Davos als Zentrum für die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) in der Schweiz und als Enklave des deutschen Nationalsozialismus. Neben den Friedensbewegungen wie dem Spengler Cup, die in Davos entstanden, sorgte vor allem die Ermordung des hochrangigen Parteimitglieds der NSDAP im Kurort für Schlagzeilen. Wilhelm Gustloff wurde am 4. Februar 1936 vom jüdischen Studenten David Frankfurter mit einer Pistole erschossen (die «Büwo» berichtete).
Eine Zeit des Vergessens
Es sei wichtig und richtig, dass man nun über den Gedenkstein spreche und darüber diskutiere, was mit ihm geschehen soll, findet Tino Schneider. Vorwürfe wolle er aber keine machen. Dass der Stein respektive dessen tatsächliche Bedeutung so lange in Vergessenheit geriet, kann er nachvollziehen. Schliesslich sei das der Zeitgeist der damaligen Aufarbeitung des Geschehenen gewesen. «Es war eine Zeit des Vergessens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man nach vorne blicken, weitermachen und schauen, dass sich insbesondere die Wirtschaft erholt», erklärt er. Und wundert sich dennoch, dass der Stein 1955 gar noch restauriert wurde.
«Wir Menschen haben die Angewohnheit, uns nicht mit den unschönen Dingen im Leben beschäftigen zu wollen.» Insbesondere deshalb sei es aber notwendig, das doch zu tun. Denn mit dem Krieg kam auch extremes Leid. «Das Bewusstsein dafür geht immer mehr verloren, weil unter anderem viele nicht mehr von Zeitzeugen daran erinnert werden», meint Tino Schneider abschliessend. Wieder geht sein Blick dem Stein entlang, auf dem gerade ein Spatz gelandet ist.