«Leider dürfte die Dunkelziffer viel grösser sein»
Herr Brunner, wie viele Fälle von Gewalt an Kindern gibt es im Kanton Glarus pro Jahr?
Hansueli Brunner: Meldungen zu reiner physischer Gewalt gibt es nur sehr wenige. Es ist aber davon auszugehen, dass die Dunkelziffer leider grösser ist. Und bei praktisch allen Kindeswohlgefährdungen, die bei uns eingehen, ist eine Art von psychischer Gewalt im Spiel. Beispielsweise bei stark konflikthaften Eltern ist die psychische Integrität des Kindes stark gefährdet, da es einem ständigen Loyalitätskonflikt ausgesetzt ist.
Wie geht die Kesb vor, wenn sie eine entsprechende Meldung erhält?
Grundsätzlich eröffnen wir dann ein formelles Verfahren. Dann treten wir in Kontakt mit den Eltern und dem Kind, dem Umfeld, der Schule und anderen Bezugspersonen. Im besten Fall finden wir gemeinsam mit den Eltern eine Lösung, die das Kindeswohl gewährleistet.
Es gibt aber auch Fälle, in denen es eilt.
Richtig. Wenn wir eine Meldung erhalten, bei der Dringlichkeit gegeben ist, weil die aktuelle Situation nicht mehr ertragbar ist für das Kind, greifen wir sofort ein. Die detaillierten Abklärungen treffen wir im Nachhinein und überprüfen noch einmal die von uns getroffenen superprovisorischen oder vorsorglichen Massnahmen. Ganz grundsätzlich greifen wir nur ein, wenn die körperliche, geistige oder sittliche Entwicklung des Kindes gefährdet ist und die Eltern selber oder unter Beizug von Dritten nicht in der Lage sind, für eine nachhaltige Verbesserung zu sorgen. Wir wollen keine perfekte Gesellschaft erschaffen.
Angenommen, man beobachtet den Fall eines Kindes, das der eigenen Meinung nach nicht angemessen behandelt wird: Wie soll man vorgehen?
Grundsätzlich rate ich, für sich selbst ein Protokoll zu führen über die beobachteten Ereignisse. Und diese dann mit etwas Distanz nach dem Ampel- System Grün-Orange-Rot zu kategorisieren. Wenn sich abzeichnet, dass viele Aktionen im roten Bereich sind, sollte man wenn möglich mit den betroffenen Eltern selber sprechen. Häufig wird dieser Schritt übersprungen, denn das braucht Mut. In so einem Gespräch sollte man die Sorge um das Wohl des Kindes ins Zentrum stellen. Wenn ich mir selbst unsicher bin, ob eine Grenze überschritten wird oder nicht, gibt es gute Anlaufstellen, bei denen man sich informieren kann. Zum Beispiel bei der Sozialberatung der Sozialen Dienste, der Mütter- und Väterberatung oder bei der Jugend- und Familienbegleitung Joyning Glarnerland.