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Leben und Freizeit

Leben, Lesen, Lenkung

Bündner Woche
27.10.2022, 04:30 Uhr
heute um 12:16 Uhr

von Riccarda Hartmann

Der Mensch. Ein Gewohnheitstier. Das aber stets neue Dinge erfindet. Was passiert, wenn das Leben und die Technik vereint werden? Hier im buchstäblichen Sinne. «Bionic Reading» – eine Wortzusammensetzung aus Bios, also das Leben, und das englische Wort für Technik. Das Gehirn wird genutzt und mit der eigenen Lesetechnik kombiniert. «Bionic Reading», eine Lesemethode, die dazu beitragen soll, fokussiert und schneller zu lesen. Und auch bei Lesestörungen helfen soll. Eine App für Android, IOS oder eine, die dann im Browser benutzt werden kann. Vor einiger Zeit ist «Bionic Reading» in den sozialen Medien viral gegangen. Auf TikTok gibt es über 526 Millionen Suchresultate.

Renato Casutt, Gründer und Inhaber von «Bionic Reading», macht es sich auf dem Palettensofa auf der Dachterrasse seiner Wohnung in Chur gemütlich, trinkt einen Schluck Espresso. «Es gibt drei verschiedene Benutzergruppen», meint er und zählt sie auf. Eine Gruppe hat Probleme mit dem Lesen wie beispielsweise Legasthenie, ADHD oder ADHS. Eine Gruppe, die normal liest, aber mit «Bionic Reading» ihre Lesegeschwindigkeit erhöhen möchte und eine Gruppe, die geschäftlich mehrere Stunden am Tag lesen muss und «Bionic Reading» als Unterstützung benutzt.

Wie funktioniert das mit dem Lesen überhaupt?

Ein Wortschatz wird angeeignet. «Indem man Lesen lernt, speichert man ständig Wörter ab», so der typografische Gestalter Renato Casutt. Nach dem Abspeichern kann das Gehirn stetig darauf zurückgreifen. Wenn der Wortschatz vorhanden ist, kann das Gehirn ihn abgleichen. Gelesen wird nicht Buchstabe für Buchstabe. Es wird ein Teil gelesen, dann hüpft das Auge weiter. Das Auge liest in Sprüngen – den sogenannten Sakkaden.

Bei «Bionic Reading» werden einzelne Bereiche eines Wortes ausgezeichnet (siehe Box unten mit Beispiel). Dies wird Fixation genannt. Beim Lesen springt das Auge dann von Fixation zu Fixation. «Bionic Reading macht nichts anderes, als das Auge gezielt über den Text zu lenken», so Renato Casutt. Die typografischen Highlights – Fixation, Sakkaden, Deckkraft, Silbentrennung oder die Markierung von Wortgruppen – können individuell und nach den persönlichen Vorlieben ausgewählt werden.

Der Anfang von "Bionic Reading"

Typografische Gestalterinnen und Gestalter sind auf Schrift und Typografie spezielisiert. Während der Schule für Gestaltung im Jahr 2009, musste Renato Casutt ein Buch designen. Ein Buch, das auf Berndeutsch geschrieben war. «Als Designer muss man wissen, was man gestaltet. Man muss den Text lesen können», meint Renato Casutt. Und hierbei habe er Schwierigkeiten gehabt. Weil es ein Dialekt ist, der dem gebürtigen Churer nicht geläufig war. Die Wörter waren somit nicht in seinem Gehirn gespeichert. «Das Wort wird zwar mit den Augen aufgenommen. Aber es kommt nicht von da», er deutet mit dem Zeigefinger auf das Auge hinter den runden Brillengläsern. «Nicht nach da hinten», er zeigt auf den Hinterkopf.

Das Projekt «Bionic Reading» habe er dann erstmals auf die Seite geschoben und im Frühling 2016 wieder aus der Schublade geholt. Seine Frau habe ihn motiviert, das Projekt anzugehen. «Ich brauchte eine Herausforderung und seit April 2016 bin ich dran», sagt Renato Casutt. 2017 gab es bereits das erste Produkt, doch das habe kein Mensch interessiert, so der Gründer.

Heute sehe das anders aus. Auf seiner Website sind Besuchende aus 223 Ländern. Auch Forschungsstationen in Grönland greifen auf «Bionic Reading» zu, was Renato Casutt besonders zu freuen scheint. Was aber seine Augen zum Leuchten bringt, sind die vielen Feedbacks, die er schon bekommen habe. Von Menschen, die zu Tränen gerührt sagen, dass es ein Life-Changer – ein Game-Changer – für sie sei.

«Lesen ist für mich elementar wichtig», sagt der Churer. Und fügt an, dass es eine der ersten – wenn nicht die wichtigste – Form der Informationsaufnahme ist. Daraus könne dann Wissen generiert werden. «Lesen und Informationsaufnahme ist ein Grundbedürfnis und sollte nicht nur für jene da sein, die keine Probleme damit haben», schliesst Renato Casutt und erhebt sich von den dunkelgrauen Sitzkissen.

www.bionic-reading.com

Beispiel (eine Variation)
E
in Wortschatz wird angeeignet. «Indem man Lesen lernt, speichert man ständig Wörter ab», so der typografische Gestalter Renato Casutt. Nach dem Abspeichern kann das Gehirn stetig darauf zurückgreifen. Wenn der Wortschatz vorhanden ist, kann das Gehirn abgleichen. Gelesen wird nicht Buchstabe für Buchstabe. Es wird ein Teil gelesen, dann hüpft das Auge weiter. Das Auge liest in Sprüngen – den sogenannten Sakkaden. Bei «Bionic Reading» werden einzelne Bereiche eines Wortes ausgezeichnet. Dies wird Fixation genannt. Beim Lesen springt das Auge dann von Fixation zu Fixation. «Bionic Reading macht nichts anderes, als das Auge gezielt über den Text zu lenken», sagt Renato Casutt. Die typografischen Highlights – Fixation, Sakkaden, Deckkraft, Silbentrennung oder die Markierung von Wortgruppen – können individuell und nach den persönlichen Vorlieben ausgewählt werden.