Leben, Lesen, Lenkung
von Riccarda Hartmann
Der Mensch. Ein Gewohnheitstier. Das aber stets neue Dinge erfindet. Was passiert, wenn das Leben und die Technik vereint werden? Hier im buchstäblichen Sinne. «Bionic Reading» – eine Wortzusammensetzung aus Bios, also das Leben, und das englische Wort für Technik. Das Gehirn wird genutzt und mit der eigenen Lesetechnik kombiniert. «Bionic Reading», eine Lesemethode, die dazu beitragen soll, fokussiert und schneller zu lesen. Und auch bei Lesestörungen helfen soll. Eine App für Android, IOS oder eine, die dann im Browser benutzt werden kann. Vor einiger Zeit ist «Bionic Reading» in den sozialen Medien viral gegangen. Auf TikTok gibt es über 526 Millionen Suchresultate.
Renato Casutt, Gründer und Inhaber von «Bionic Reading», macht es sich auf dem Palettensofa auf der Dachterrasse seiner Wohnung in Chur gemütlich, trinkt einen Schluck Espresso. «Es gibt drei verschiedene Benutzergruppen», meint er und zählt sie auf. Eine Gruppe hat Probleme mit dem Lesen wie beispielsweise Legasthenie, ADHD oder ADHS. Eine Gruppe, die normal liest, aber mit «Bionic Reading» ihre Lesegeschwindigkeit erhöhen möchte und eine Gruppe, die geschäftlich mehrere Stunden am Tag lesen muss und «Bionic Reading» als Unterstützung benutzt.
Wie funktioniert das mit dem Lesen überhaupt?
Ein Wortschatz wird angeeignet. «Indem man Lesen lernt, speichert man ständig Wörter ab», so der typografische Gestalter Renato Casutt. Nach dem Abspeichern kann das Gehirn stetig darauf zurückgreifen. Wenn der Wortschatz vorhanden ist, kann das Gehirn ihn abgleichen. Gelesen wird nicht Buchstabe für Buchstabe. Es wird ein Teil gelesen, dann hüpft das Auge weiter. Das Auge liest in Sprüngen – den sogenannten Sakkaden.
Bei «Bionic Reading» werden einzelne Bereiche eines Wortes ausgezeichnet (siehe Box unten mit Beispiel). Dies wird Fixation genannt. Beim Lesen springt das Auge dann von Fixation zu Fixation. «Bionic Reading macht nichts anderes, als das Auge gezielt über den Text zu lenken», so Renato Casutt. Die typografischen Highlights – Fixation, Sakkaden, Deckkraft, Silbentrennung oder die Markierung von Wortgruppen – können individuell und nach den persönlichen Vorlieben ausgewählt werden.