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Leben & Freizeit

Die Mathematik freudiger Ereignisse

Südostschweiz
13.06.2023, 04:30 Uhr
vor 37 Minuten

Am 9. Juni 2022 veröffentlichte ich in den sozialen Medien folgende Nachricht: «Das Konzert von heute Abend fällt aufgrund eines freudigen Ereignisses aus.» Dieses freudige Ereignis bestand darin, dass mein Duo-Partner Klaus ins Spital musste. Er brauchte aber keine Pflege, sondern seine Partnerin, die Lebenspartnerin diesmal, musste zum Gebären hin und er sie begleiten. Die Geburt ihres Kindes – respektive das Produkt ihrer Leidenschaft – rangierte in der Prioritätenliste verständlicherweise höher als das Produkt unserer Leidenschaft, obschon auch das Konzert versprach, Erfreuliches hervorzubringen.

Nun war dieses Ereignis tatsächlich und fraglos ein freudiges, dem man seit Monaten entgegengefiebert hatte. Sie müssen aber wissen, dass Konzertabsagen «aufgrund höherer Gewalt», wie es in Verträgen jeweils heisst, für Musiker etwas vom Unerfreulichsten überhaupt sind. Sie bedeuten nämlich, dass der Lohn für den grössten Teil der geleisteten Arbeit ausfällt. All die im Proberaum und zu Hause beim Üben verbrachten Stunden werden nur entgolten, wenn man auch noch die zwei bis drei Stunden investiert, in welchen man das Erarbeitete aufführt.

Will heissen: In der Summe noch erfreulicher wäre die Geburt des süssen Töchterchens gewesen, hätte sie einen Tag später stattgefunden. Denn von dieser Freude mussten wir ja, so wie die Dinge vonstattengingen, die Enttäuschung über das ausfallende Konzert subtrahieren, und die verbleibende Nettofreude war ein ganz klein wenig geringer als sie an einem anderen Tag gewesen wäre. (Wobei der Abzug in der Rechnung meines Duo-Partners noch kleiner war als bei mir, wenn nicht gar von komplett vernachlässigbarem Wert.)

In meiner bisherigen Karriere als Musiker, die seit 20 Jahren dauert, musste ich nur zweimal ein Konzert absagen. Das erste Mal vor acht Jahren, als ich selber im Spital landete und die Nachricht mit dem Foto einer intravenösen Infusion dramatisieren konnte. Das zweite Mal eben am 9. Juni vor einem Jahr. Und an diesem Wochenende ist nun die dritte Absage hinzugekommen.

Am 9. Juni 2023 veröffentlichte ich in den sozialen Medien folgende Nachricht: «Leider müssen wir unsere Konzerte am Street Festival Langenthal absagen. Der arme Klaus ist krank und an Bett und sanitäre Anlagen gebunden.» Was ist passiert? Nun, Klaus hat sich ein Magen-Darm-Virus eingefangen. Und wie ist das passiert? Vom süssen Töchterchen hat er es eingefangen, welches ein paar Tage vor ihm an sanitäre Anlagen, respektive an Windelberge, gebunden war.

Jetzt wollen wir schauen, dass wir am 9. Juni 2024 wieder ein Konzert organisieren. Und wenn uns das süsse Töchterchen dann erneut in die Quere kommt, muss ich mit ihr einmal ein ernstes Wörtchen bezüglich der sich kumulierenden Abzüge vom ursprünglichen Wert des freudigen Ereignisses ihrer Geburt reden. Allzu viele Jahrzehnte kann das so jedenfalls nicht weitergehen.

Frédéric Zwicker, Rapperswil-Jona, ist Musiker und Autor