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Leben und Freizeit

Agrena Schuler: «Es macht keinen Sinn, Leute anzugreifen»

Agrena Schuler vom Klimastreik Graubünden spricht über Black Friday, Lichter im Advent und die Energiekrise.
Bündner Woche
14.12.2022, 15:00 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

von Riccarda Hartmann

Adventszeit. Man verbindet sie mit Kerzen und Lichterketten, mit Guatzli und Geschenken. Das Licht erhellt die dunkle und kalte Jahreszeit. Guatzlis werden mit den Liebsten gebacken und/oder gegessen. Geschenke schenken und geschenkt bekommen gehört auch dazu. Romantisch. Bekannt. Dieses Jahr steht diese Zeit aber auch noch unter einem anderen Stern. Dem der Frage um die Energie.

Frau Schuler, Sie haben vorgeschlagen, uns hier im Fashion-Outlet Landquart zu treffen. Warum?

Agrena Schuler: Für mich ist das Outlet der Hotspot von Konsum hier in der Umgebung. Es wird alles billiger verkauft, aber die Firmen machen trotzdem viel Profit. Es ist nun mal ein Ort, an dem nur Sachen gekauft werden können. Das heisst, der ganze Ort steht automatisch für Konsum.

Stichwort Konsum: Dafür steht auch der Black Friday. Der Klimastreik Graubünden hat an jenem Freitag eine Aktion gemacht.

Genau, wir organisierten einen Stand mit Kleidern, die wir im Voraus von Leuten gesammelt hatten. Wir haben ein Zelt aufgestellt und die Kleider verkauft. Aufgeschrieben haben wir, dass alles 1,95 Franken kosten würde. Wenn dann die Leute an die Kasse gekommen sind, haben wir ihnen ein Blatt gegeben und auf diesem stand, was die Umweltkosten und auch die sozialen Kosten von einem solchen Produkt sind. Gemeint sind Dinge wie faire Arbeitsbedingungen, Wasserverbrauch und die Menge an grauer Energie pro Kleidungsstück. Bei einer Jeans zum Beispiel wären das 1500 Liter dauerhaft verschmutztes Wasser und neun Kilogramm CO2.

Wie war die Reaktion der Leute?

Es war schwierig, da wir ein bisschen ab vom Schuss waren. Vor allem, weil Weihnachtsmarkt war. Das heisst, im Endeffekt kamen viele Leute vorbei, die am Black Friday ohnehin nicht konsumieren. Und wir haben ihnen die Kleider gschenkt. Wir hätten sie ihnen eh gegeben, weil wir gar kein Geld verlangen durften, da wir keine Verkaufsbewilligung gehabt hatten. Wir haben dann einfach mit ihnen darüber geredet – über die Auswirkungen von Konsum im Allgemeinen – und das hat eigentlich recht gut funktioniert. Sie waren extrem verständnisvoll. Ich meine, wenn man es mit Zahlen unterstützen kann und die Leute gerade nichts «Böses» (lacht) gemacht haben, weil sie Secondhand-Kleider tragen, hat die Kommunikation ziemlich gut geklappt.

Warum denken Sie, sind solche friedlichen Aktionen hilfreich?

Erfahrungsgemäss macht es keinen Sinn, Leute anzugreifen, weil sie dann automatisch abwehrend reagieren. Am Ende kann man einen Menschen nicht verurteilen, weil er oder sie am Black Friday billige Kleider kauft. Man müsste eigentlich viel mehr hinterfragen, warum Güter überhaupt so günstig angeboten werden – von Seiten Firma oder Marke.

Zurück zu Konsum und weiter in die Adventszeit: Momentan ist der Verzicht auf Weihnachtsbeleuchtung ein Thema.

Meine Meinung sieht so aus: Es ist gut, dass wir es bezüglich der Energiekrise diskutieren. Wir hätten das jedoch schon lange diskutieren müssen. Den Kontext, in dem heute diskutiert wird, finde ich fragwürdig. Durch den starken Fokus auf das, was Einzelpersonen an ihrem Energiekonsum ändern können, wird von wichtigeren Faktoren abgelenkt. Hinzu kommt, dass Verbote oder Empfehlungen wieder Abwehrreaktionen auslösen. Denn die Weihnachtsbeleuchtung ist etwas Schönes und um diese Zeit ist es sehr dunkel. Das Thema spaltet die Meinungen. Darum würde ich sagen, weniger auf die Lichterketten fokussieren und sonst mehr Energie sparen (lacht).

Wo könnte man denn besser Energie sparen?

Lichterketten hängen an einem Monat pro Jahr, Schaufenster leuchten das ganze Jahr durch. Und zum Beispiel müssen manche Fabriken nichts einbauen oder nur wenig machen, um Schadstoffe zu filtern und um Energie zu sparen. Ökostrom benutzen zum Beispiel. Auch Elektroautos, die sind super. Oder sicher besser als Verbrenner. Aber wenn wir alle Elektroautos hätten, dann würde der Stromverbrauch um 20 Prozent steigen und das geht nicht, weil wir nicht so viel Strom haben. Das heisst, weniger Autofahren, mehr Zugfahren. Es sind wirklich tiefgreifendere Veränderungen, die nötig sind, als nur Lichterketten abzustellen.

Was könnte man machen, um Energie im Advent zu sparen?

Prinzipiell ist es sowieso sinnvoll, Ressourcen zu sparen, und das wird man auch müssen. Aber im Advent dann keine Guatzli zu backen oder Lichterketten aufzuhängen wegen der Energiekrise, bringt wenig. Ich finde es okay und vor allem finde ich, es macht wirklich keinen Sinn, jemanden einen Vorwurf zu machen. Denn im Endeffekt muss man die Leute dazu bringen, dass sie bei grossen Veränderungen mitmachen und nicht beim Verzicht der Weihnachtsbeleuchtung stehen bleiben.

Also Veränderungen nicht nur in einem Monat, sondern das ganze Jahr über.

Genau, also sicher nicht nur in einem Monat. Und auch nicht in dem Monat, in dem es eh schon sehr kalt ist. Weil zum Warmhaben braucht es einfach Energie. Man könnte aber überprüfen, ob es Sinn macht, die eigene Heizung zu ersetzen. Und was man sicher auch machen kann, sind Solaranlagen auf dem Dach zu montieren. Aber das sind Dinge, da würde ich mir persönlich wünschen, dass solche Bemühungen politisch mehr subventionert werden. Dass es also tatsächlich darum geht, grundlegend etwas zu ändern.

Wo kann man explizit bei sich selbst ansetzen?

Ich bin für einen vernünftigen Energieverbrauch. Also ich glaube, wenn man Guatzli mit Mass backt, das Licht nur dann brennen lässt, wenn man auch wirklich zu Hause ist, und die Lichterkette nicht die ganze Nacht an ist, dann ist man auf der sicheren Seite. Klar, wenn man das ganze Haus voller Lichter hat, dann muss man sich schon ein bisschen fragen.

Und persönlich, wie sieht der Advent bei Ihnen aus?

Wir, meine Familie und ich, sind nicht sehr religiös. Wir haben viele Kerzen. Auch einen Adventskalender. Aber es ist nicht der «Big Deal».

Noch nicht so in Adventsstimmung?

Ich mag den Advent. Ich finde es auch gut, einfach auch, weil man Lichter anzündet. Und ich glaube, meine Familie sieht das ähnlich. Guatzlibacken werde ich auch.

Lieblingsweihnachtsguatzli?

Spitzbuaba.

www.klimastreik-graubuenden.ch

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