Kein Gehör für «Sandra B.s» Antrag
Der «Blick» hat die 63-jährige Frau auf den frei erfundenen Namen «Sandra B.» getauft. Den Sprung in die Schlagzeilen der nationalen Boulevardpresse schaffte sie Mitte April, weil sie Lärm macht. Über eine Musikbox, die auf dem Fenstersims im obersten Stock ihres Hauses steht. Und aus der immer dann lautes Rauschen, dröhnte, wenn in Luchsingen die Glocken der etwa 120 Meter weit entfernten reformierten Kirche geläutet wurden.
Denn das stört «Sandra B.» ganz gewaltig, wie sie gegenüber den «Glarner Nachrichten» schon Mitte September 2020 ausführte. Kurz davor hatte sie mit Inseraten in der Wochenzeitung «Fridolin» die «massive Ruhestörung um 5 Uhr» und das «Bimmeli, Bammeli, Bummeli bei jeder unberechtigten Gelegenheit» angeprangert und zur Gründung einer «Interessengemeinschaft Anti-Gebimmel» aufgerufen.
Auskunft dazu gab sie den «Glarner Nachrichten» ebenso wie in einem Interview im Regionalfernsehen TV Südostschweiz anfänglich noch unter ihrem richtigen Namen. Weil sie später nach eigenen Angaben sogar Morddrohungen erhalten hat, pocht sie nun darauf, anonym zu bleiben.
«Last-Minute»-Antrag
Trotzdem fiel «Sandra B.s» richtiger Name am Donnerstagabend in der Kirche Betschwanden erneut in der Öffentlichkeit. Dort fand die Versammlung der reformierten Kirchgemeinde Grosstal statt, und an dieser wurde ein Antrag behandelt, den sie gestellt hatte.
«Wir werden damit kurzfristig noch an die Kirchgemeindeversammlung gelangen», hatte Kirchenratspräsident Daniel Sprüngli gegenüber den «Glarner Nachrichten» Mitte April erklärt, «obwohl er uns an der letzten Sitzung noch nicht vorlag, als wir die Unterlagen zur Versammlung verabschiedeten.»
«Ihr Antrag wurde abgelehnt», erklärte Sprüngli am Freitag nun auf Anfrage. Behandelt wurde «Sandra B.s» Anliegen als zweitletztes Traktandum. Verlangt hatte sie, dass die «polizeilich verordnete Nachtruhe von 22 bis 7 Uhr» eingehalten und «vor allem auf das Viertelstundengedröhne Tag und Nacht» verzichtet werde.
Es wird nicht. «Der Antrag wurde einstimmig abgelehnt», sagt Sprüngli. «Es gab keine Gegenstimmen und keine Enthaltungen. Alle stimmten geschlossen dagegen.» Und gekommen waren viele. Von den zurzeit 979 Stimmberechtigten der Kirchgemeinde Grosstal erschienen aus den acht Dörfern laut Sprüngli 63 und damit rund 6,4 Prozent zur Versammlung. «Das sind etwa doppelt so viele wie üblich», sagt er.
Läuteordnung beschlossen
«Sandra B.» kam nicht. «Sie war aber auch nicht eingeladen», sagt Sprüngli. Sie sei ja kein Mitglied der reformierten Kirchgemeinde Grosstal. Schon mit ihrem Antrag musste sie darum an den Kirchenrat gelangen, der darauf beschloss, ihn der Versammlung zu unterbreiten. Als Gast hätte «Sandra B.» aber teilnehmen können. «Die Kirchgemeindeversammlungen sind öffentlich», sagt Sprüngli, «wir haben ja nichts zu verstecken.» So seien auch am Donnerstag zwei Gäste erschienen. «Aber nicht wegen diesem Traktandum.»
Um Kirchenglocken ging es auch beim letzten Geschäft der Liste. Mit dem Festlegen einer Läuteordnung wird für alle fünf Kirchen der Gemeinde im Detail geregelt, wie die jeweiligen Glocken zu welchen Zeiten wie lange geläutet werden. «Es ging einfach darum, ein Papier zu haben, auf dem alles geregelt ist», fasst Sprüngli zusammen. «Denn bisher hatten wir das nicht.» In der Praxis ändere sich an der bisherigen allerdings kaum etwas.
Auch das segneten die Stimmberechtigten wie vom Kirchenrat beantragt ab – ebenso alle anderen Geschäfte wie Jahresbericht und -rechnung 2020 oder Budget und Steuerfuss 2022. «Ohne eine einzige Wortmeldung», wie Sprüngli erzählt. Die Versammlung sei nach 42 Minuten vorbei gewesen.
Noch nicht vorbei sein dürfte es jedoch mit «Sandra B.s» Protestaktionen, wie Sprüngli vermutet. Was «Sandra B.» auf Anfrage prompt bestätigt: «Das Rauschen geht weiter.»