Im Park
Von Susanne Turra
Ohne Auftrag. Ohne Ressourcen. Einfach so geht Romina Beeli damals in den Park. Mit Werner Erb. Als Alphorn-Werni ist dieser mit seinem Instrument bis heute im Park anzutreffen. So entsteht ihr Buch «Die Familie vom Stadtpark». Lebensgeschichten von Menschen am Rande der Gesellschaft. Nach und nach. Sie trifft die Porträtierten im Stadtpark. Sie erzählen. Romina Beeli hört zu. Sie nimmt auf. Schreibt auf. Der Weg von Romina Beeli geht weiter. Sie studiert in Zürich. Soziale Arbeit.
Den Park besuche ich regelmässig, weil ich gerne hier bin, um abzuschalten und um nachzudenken», Laura.*
Und sie arbeitet im Suchtbereich. Bei Pfarrer Sieber. Im Strafvollzug. Und in der Psychiatrie. Für «Streetwork» kommt Romina Beeli zurück nach Chur. Der Park lässt sie nicht los. Sie kennt immer noch Leute dort. Seit elf Jahren. «Ich wollte einfach mal schauen, wie es ihnen geht», sagt sie. «Ich habe viel Zeit mit den Porträtierten verbracht. Und eine enge Beziehung zu ihnen aufbauen können.»
Und genau das ist der Punkt. Die Basis der Gassenarbeit ist die Beziehung. Das Vertrauen. Gepaart mit der nötigen Distanz. «Zu Beginn herrscht seitens der Süchtigen grosses Misstrauen», erzählt Romina Beeli. «Es braucht Zeit, Geduld. Und einen langen Atem.»
Ich gehe in den Park, um Bier zu trinken und unter Leuten zu sein. Da ich ansonsten kein soziales Umfeld habe, sind dies meine einzigen Kontakte», Remo.*
Die Streetworkerinnen und Streetworker ziehen das durch. Schnell spüren sie, es gibt ein Grundvertrauen in der Szene. «Die Menschen aus dem Park kennen uns heute», betont die Sozialarbeiterin. «Sie kennen unsere Gesichter.» So oder so. Bei den Angeboten des Vereins Überlebenshilfe geht es ausschliesslich um die Schadensminderung. Das ist eine der vier Säulen der Drogenpolitik. Neben Prävention, Therapie und Repression. «Wir schauen, dass die Menschen durch den Konsum sich selbst und der Gesellschaft so wenig Schaden wie möglich zufügen», erklärt Romina Beeli. Dazu gehört auch der Konsumraum, den die Stadt Chur in naher Zukunft realisieren möchte. Hier geht es auch um die Würde. Im Stadtpark zu konsumieren, ist aus hygienischen Gründen fragwürdig.
Ich besuche den Park, um unter Leuten zu sein. Vor allem einen guten Kollegen treffe ich oft», Florian.*
«Ein Konsumraum schützt die Menschen, die konsumieren», ist Romina Beeli überzeugt. Und: «Ein Konsumraum beruhigt die Gesellschaft.» Der Verein Überlebenshilfe Graubünden unterstützt die süchtigen und obdachlosen Menschen aber nicht nur im Park und auf der Gasse. Sondern auch im Haus. Genau genommen im grossen alten Haus am Hohenbühlweg in Chur. Unterstützt wird unter anderem mit der Notschlafstelle, der Gassenküche und der Jobbörse. Hierher können alle kommen. Ohne Termine. Zur Beratung. Zum Kaffeetrinken. Zum Sitzen. Zum Kleiderwaschen. Zum Duschen. Zum Spritzentauschen. Zum Wunden-Verbindenlassen. Und die Szene? «Die Szene hat sich in den letzten fünf Jahren in Chur stark verändert», betont Romina Beeli. «Früher waren vor allem Opiate und Heroin im Umlauf.» Substanzen, die sedieren. Die Szene ruhiger machen. Länger anhalten. «Heute ist Base vorherrschend», so die Sozialarbeiterin. «Dieses aufgekochte Kokain-Ammoniak-Gemisch dominiert alles.» Die Einnahme sorgt nur für einen kurzen Flash. Und dann beginnt das Beschaffen von Neuem. Das führt zu grossem Stress. In Kombination mit Alkohol macht das etwas mit den Menschen. Ihrer Stimmung. Ihrem Alltag.
Bleibt die Gretchenfrage: Sollen wir Geld geben, wenn Süchtige auf der Strasse darum bitten? Romina Beeli hat da eine klare Haltung. «Es ist meine Entscheidung, ob ich jemandem Geld geben möchte oder nicht. Beides ist richtig», sagt sie. «Wenn ich aber Geld gebe, dann schenke ich es. Und es steht mir nicht mehr zu, darüber zu urteilen, was ein Mensch damit macht. Für gewisse Menschen ist nicht nur Essen, sondern auch Alkohol überlebenswichtig. Man soll das nicht hinterfragen. Wer das nicht kann, soll nichts geben.»
Meine Freizeit verbringe ich oft im Park. Nicht weil ich hier gute Freunde finden konnte, sondern um nicht völlig zu vereinsamen», Sandro.*
Es ist Zeit. Romina Beeli macht sich auf den Weg. «Sucht wird es immer geben. Sie ist ein Teil der Gesellschaft», sagt sie. «Wir müssen mit allem rechnen. Nehmen, was wir bekommen. Und wir müssen aushalten und austeilen können. Grenzen setzen. Ein Gefühl dafür entwickeln.» Romina Beeli schultert die schwarze Umhängetasche. Die Arbeit ruft. Im Park.
Informationen unter www.uhg-gr.ch.
*Die Zitate stammen von den Porträtierten aus dem Buch «Die Familie vom Stadtpark», Lebensgeschichten von Menschen am Rande der Gesellschaft, von Romina Beeli. Somedia Buchverlag.