Heimat erkundet, Fremdes entdeckt
Weit offenstehende Türenbegrüssten letzten Samstagdie 25 Teilnehmer des Forum Bau+Kultur bei der Englischen Kirche. Trotzdem waren die meisten der teilnehmenden Davoser das erste Mal da drinnen. Im Gegensatz zu den Bündner Gotteshäuser ist die Architektur hier «very british»
Heute wird die Kirche von der freien evangelischen Gemeinde belebt, früher war sie der Mittelpunkt des Lebens (aber auch Sterbens) der englischen Zuwanderer und Gäste. Auch das «Schwyzerhüsli» vis à vis ist ursprünglich ein englisches Haus: das schweizerische Honorarkonsulat der britischen Krone. Architekt Gaudenz Issler gab ihm sein «schweizerisches» Aussehen, der sogenannte «Schwyzerhüsli»-Stil war gerade stark en vogue. Doch das wilde Sammelsurium von dekorativen Bauteilen aus dem Musterbuch der schweizerischen Bautypen, wirkt mehr exotisch als vertraut.
Werbetexter für Davos und die freie Liebe
Vorbei an der Hochburg der wichtigsten zeitgenössischen Davoser Gäste, der im neuen Lärchenkleid versteckten Betonfestung des World Economic Forum, ging es weiter zum stolzen Haus am Hof an der Symondsstrasse. 1881 für Kunsthistoriker und Autor John Addington Symonds erbaut. Tuberkulosekrank kam er nach Davos und blieb. Es steht da in alter Pracht. Die hölzerne Liegehalle mit Spitztürmchen zur Freude aller ebenfalls. Seine Berichte «Winter in Davos» und «Our Life in the Swiss Highlands» lockten das «Who‘s who» der englischen Kulturelite in die kalte Winterwelt. Symonds Idee, mit dem Schlitten nach Klosters hinunterzudonnern und Eisbahnen für internationale Bobrennen zu bauen, läutete den Wandel vom Kur- zum Sportort ein. Mit spitzer Feder kommentierte er auch das Zeitgeschehen: «Als ich den Ort kennen lernte, war er ein kleines Dorf, ausgestattet mit einigen Hotels zur Aufnahme von fremden Gästen. Das Leben war anfänglich einfach, die Luft ganz rein, die Häuser weit voneinander und von massiger Höhe. Seither sind die Häuser wie Pilze aus dem Boden geschossen, und die sanitären Verhältnisse haben sich in besorgniserregender Weise verschlechtert. Der einzige Weg, zu verhindern, dass Davos in einen schlecht dränierten, überfüllten, mit Gas beleuchteten Sammelplatz einer kosmopolitischen Krankheit verwandelt wird, besteht darin, einen neuen, gleichartigen Kurort zu gründen.» Das rüttelte die Davoser wach: Das Landwasser wurde begradigt, eine Kanalisation gebaut, das Gaswerk ins Laret verdammt, und Strom sorgte schon bald für Licht. Hinter Symonds Haus entstand in der Folge ein wohl weltweit einzigartiges Stadt-/Sanatoriumsviertel nach strengsten Bau- und Wohnhygiene-Vorschriften. Aussergewöhnlich weit voneinander stehen die Häuser am Quartiersträsschen noch heute. Die Schatten der flachen Wintersonne sollten die Liegebalkone der dahinter liegenden Sanatorien keinesfalls treffen. Da die Kurhäuser versetzt hintereinander aufgereiht wurden, hatten alle die beste Aussicht über den Platzer Kirchturm bis hin zum Tinzenhorn. Bekannt ist Symonds heute jedoch nicht als Ideengeber der Stadtentwicklung und weniger für seinen sportlichen Pioniergeist, sondern vielmehr für seine sexuellen Präferenzen und das erste englischsprachige Fachbuch über Homosexualität.