Eine Pizza vom Weltmeister
von Redaktions-Feinschmecker Guido Michelin*
Bei so vielen Lorbeeren kann sich Raffaele Tromiro nicht die geringste Entgleisung erlauben, sage ich mir. Vor allem nicht, wenn er seine Gäste zu Tisch bittet, wie in der Pizzeria «Napulé» in Netstal. Schliesslich ist er dreifacher Pizza-Weltmeister. Das verpflichtet. Bei so einem Maestro muss nämlich nicht nur das Essen schmecken, sondern auch die Bedienung und Atmosphäre stimmen. Letztere stimmt. So parkt im Restaurant eine uralte Vespa. Der Schlüssel steckt noch, als könnte man mit ihr sogleich losfahren. Wie in einem Film mit Adriano Celentano. Von der Wand strahlt allerdings ein anderer Kinostar: Gina Lollobrigida. Fängt schon mal gut an. Das Lokal strahlt südländischen Charme aus. Viva Italia.
Mit einem freundlichen «Bunoa sera» begrüsst der Cameriere die Gäste. «Wie bitte? Es gibt kein Elmer Citro?» Empfohlen wird dafür ein Gassosa Limone oder Mandarino. Ich nehme mir einen Eistee. Obwohl die Karte auch edle Weine auf der Liste hat. Man könnte den Rebensaft auch selbst mitbringen. Gegen ein Zapfengeld von 30 Franken beispielsweise einen Brunello di Montalcino aus dem Weingut Castello Banfi. Er besticht durch sein glänzendes Rubinrot und seine elegante, feinduftende Nase, durch Aromen nach Pflaumen, Weichselkirschenkompott, Dörrobst, und feine Röstnuancen und auch etwas Tabak besticht.
Mit dem Eistee gibt es einen Gruss aus der Küche, ein Amuse-Bouche: Selbst gebackenes, knuspriges, in Scheiben geschnittenes Brot mit Tomatenwürfeln und Rucola, serviert mit einem Gratis-Glas perlendem Prosecco. Daraufhin folgt die Vorspeise, ein Insalata Caprese mit Balsamico und feinem Mozzarella di Bufala. Der Hammer.
Das Holz im Ofen ist inzwischen zur Glut gebracht. Warten ist angesagt. Bald folgt der Höhepunkt des Abends: meine Pizza Picante. Wobei das Wort Warten im «Napulé» falsch gewählt ist. Die Pausen empfinde ich als angenehm. Die Gänge folgen in den passenden Zeitabständen. Eine Verdauungs-Zigarette liegt kaum drin. Auch weil die Bilder an der Wand mich immer wieder auffordern, in sie einzutauchen, da sie Überraschendes zeigen, wie die Vesuvio Ferrovia a Cremagliena anno 1928.