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Erfolgsmodell Genossenschaft

Im April ging das Forum Bau und Kultur auf die Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Der Spaziergang durch 115 Jahre Genossenschaftsgeschichte gab eindrückliche Einblicke in ein «anderes» Davos.

Davoser
Zeitung
23.05.24 - 14:00 Uhr
Leben & Freizeit
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Das Forum Bau und Kultur ging kürzlich auf die Suche nach der Geschichte von Genossenschaften.

Die Zeiten ändern sich, doch genossenschaftliche Selbsthilfe bleibt ein nachhaltiges Erfolgsmodell.

Eigenartig schräg liegt das Riedquartier im Stadtplan von Davos. Statt sich, wie üblicherweise, in der Richtung des Tals oder entlang der Hauptverkehrsachse auszurichten, wendet sich das ganze Quartier nach Süden der Sonne zu. Die direkt an die Strasse aufgereihte Häuserzeile schafft rückwärtig eine ausser­ordentlich städtische Erschliessungssituation und grenzt so den öffentlichen Strassenraum klar von den privaten Gärten ab. Zu jeder Wohnung gehört nämlich ein «Pflanzblätz» im Selbstversorgergarten.

Das Genossenschaftsbüro in der «Riedheim»-Parterrewohnung veranschaulicht die Wohnsituation aus den 1930er-Jahren, die Hausordnung von damals lässt die Besucher staunen. Sie regelt die Nutzung des Gemeinschaftsbades, die Hauswartarbeit (monatlich aufgeteilt), und alle vier Wochen ist jeder Wohnung die Benutzung der Waschküche zugeordnet. Mama konnte früher vom Balkon aus sehen, ob ihre Kinder noch am Bolgen am Skifahren sind, weiss Besucherin Marianne Köpfli zu berichten, die im Haus aufgewachsen ist. Heute reicht der Blick nur noch bis zur Rückwand des nächsten Genossenschaftsblocks.

Die durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöste Wirtschaftskrise kostet viele Arbeiter den Job, sie wandern ab. Plötzlich gibt es zu viele Wohnungen. Die Wohngenossenschaft muss wegen der Konjunktur sogar mit Mietzinssenkungen reagieren. Doch kaum ist der Krieg zu Ende, steckt Davos wieder in der Wohnungsnot. Als Reaktion verweigert der Kleine Landrat 1945 Personen, deren Zuzug nicht hinreichend begründet ist, die Niederlassung.

Im Jahr 1949 baut Architekt Hanns Engi an der Linardstrasse das Doppelhaus Miramunt/Miraval. Die Grundrisstypologie bleibt gleich und doch, es ist kein Haus mehr, sondern ein Block. Unter dem Einfluss der Moderne wird die Architektur konsequent vereinfacht. Während Wiederanders noch jedem Zimmertyp ein eigenes Fensterformat schenkte, macht Engi möglichst alle Fenster gleich. Auch das Vordach braucht es nicht mehr. Und es gibt keine getäfelten Stuben mehr. Je günstiger die Baukosten, desto günstiger die Miete, lautet die Devise. 1960 folgt das Mirasol von Karl Angehr. Als einziges Haus im Quartier ist es fünf Stockwerke hoch, denn unmittelbar nach dem Bau beschränkt ein neues Baugesetz die maximale Geschosszahl im Quartier auf vier Geschosse.

Schwieriger Start

Im Jahr 1950 wird die Wohnbaugenossenschaft des Bundespersonals gegründet, um Wohnraum für Bahnangestellte, Postangestellte und Schneeforscher zu schaffen. Heute machen die Bundesangestellten nur noch die Hälfte der Mieter aus, erklärt das langjährige Vorstandsmitglied Johannes Gredig. Er erläutert dem Publikum, dass die Genossenschaft ihren Ursprung in der Siedlung Rossweid hat. Auf einen schwierigen Start folgt der Aufschwung im zweiten «Genossenschaftsfrühling».

Für das Bundespersonal werden weitere Häuser an der Flüelastrasse (1964) und die grosse Siedlung in der Grüeni (1963/67) gebaut. Der treibende Architekt dahinter: Jack Lutta. Er plant für die Davoser Genossenschaft die nächsten Bauetappen. 1967 wird das Doppelhaus Linard/Buin mit 16 Wohnungen bezogen. Vor acht Jahren wurde es umfassend saniert. So überzeugt es heute die Architektur-Touristen mit zeitgemässem Wohnkomfort. 1972 folgt das Doppelhaus Fanin/Larein im gleichen Stil. «Das Band» war als Selbsthilfe-Organisation für Lungenpatienten in Bern entstanden und 1939 formiert sich ein Ableger in Davos, welcher ursprünglich mit Handarbeiten für Beschäftigung sorgt. Erst 1960 wird dann die Baugenossenschaft «das Band» in Davos gegründet, um Lungenkranken nach ihrem Kuraufenthalt eine weitere Bleibe in Davos zu ermöglichen. Im gleichen Jahr baut sie ihre ersten Wohnbauten an der Seehornstrasse im Dorf, jüngst wurden diese durch Ersatzneubauten ersetzt. 1973 kann sie dank eines Baurechtsvertrags mit der Davoser Wohngenossenschaft im Ried ebenfalls ein Haus bauen. Aktuell wird dieses saniert. Die Gemeinde ergänzt das Quartier mit ihren Wohnblöcken an der Riedstrasse (1973) und am Metzparkplatz (1979). Die Davoser Finanzkrise der frühen 2000er-Jahre hatte leider dafür gesorgt, dass die Gemeinde im Rahmen des selbstverordneten Sparprogramms Mieten ihrer Wohnungen der Marktmiete ­anpasste.

1993 baut die Davoser Wohngenossenschaft mit Architekt Paul Sprecher das Haus Novai. Die Veränderung der Wohnbedürfnisse spiegelt sich im Grundriss wider. Die Küche wird zu einem Wohnraum und erhält einen Platz an der Sonnenseite, ein zweites WC bereichert die 4.5-Zimmer Wohnung. 2014 wird das neueste Genossenschaftshaus bezogen, das den Namen Farfalla bekommt. Es bricht mit der althergebrachten Grundrisstypologie und gliedert drei Wohnungen um das Treppenhaus. Von aussen wirkt die dreieckige Gebäudeform sonderbar, von innen aber umso überzeugender. Das Wohnzimmer von Peter und Erika Schüepp mit dem am Eck vorgesetzten Balkonturm reckt sich regelrecht in den Freiraum zwischen den Nachbarhäusern. Die Besucher staunen: Dank allseitiger Aussicht fühlt man sich nicht wie in einem Mehrfamilienhaus. Der Spaziergang veranschaulicht es: Die Zeiten ändern sich, das genossenschaftliche Wohnen bleibt ein Erfolgsmodell.

Nach wie vor entstehen trotz Zweitwohnungsgesetz mehr Zweitwohnungen. Von 2017 bis 2021 werden in Davos 200 neue Erstwohnungen gebaut, aber gleichzeitig gehen 270 durch Umnutzung zu Zweitwohnungen verloren. «Der Bevölkerungsrückgang trotz mehr Arbeitsplätzen, die Zunahme der Zupendlerinnen und Zupendler trotz des Baus von neuen Wohnungen, der Rückgang der Leerwohnungsziffer sowie die Abnahme der Erstwohnungen indizieren eindeutig, dass Bewohnerinnen, Bewohner und Beschäftigte in Davos nicht genügend adäquaten Wohnraum finden», resümiert die Gemeinde.

Die beschlossene Wohnraumstrategie der Gemeinde bietet Gegensteuer, so könnten in den nächsten zehn Jahren 200 zusätzliche gemeinnützige Wohnungen entstehen. Dafür stellt die Gemeinde finanzielle Fördermittel, raumplanerische Anreize, Liegenschaftsankäufe und Abgabe von Gemeindeland im Baurecht an gemeinnützige Trägerschaften in Aussicht. Allein die Immobiliengenossenschaft Konsum Davos projektiert im Rahmen des Generationenprojekts Davos Dorf ein Megaprojekt mit bis zu 80 oder 100 Wohnungen. Der nächste Davoser Genossenschaftsboom ist vorprogrammiert.

«Doch die im Nationalrat beschlossene Lockerung des Zweitwohnungsgesetzes  wird noch mehr Umnutzungen von Erstwohnungen zur Folge haben», warnt Grosslandrat Hans Vetsch aus dem Publikum. Es braucht daher dringend Ergänzungsmassnahmen, welche sicherstellen, dass nicht weiterhin mehr Wohnungen durch Umnutzung zu Zweitwohnungen verloren gehen, als neue Erstwohnungen gebaut werden. In den vergangen 100 Jahren lag die Einwohnerzahl von Davos stets um die 11 000. Die gebaute Stadt ist seither aber auf die fünffache Grösse angewachsen. Eigentlich braucht Davos gar keine neuen Wohnungen, witzelt darum Jürg Grassl, und wünscht sich für Davos keine Verdichtung in Form von zusätzlicher Baumasse, sondern bloss eine Verdichtung als Steigerung der Wohnungsbelegung.

Jürg Grassl schreibt für das Forum Bau und Kultur

Bedürfnisse ändern sich: Grundrisse von Wohnungen im Wandel der Zeit.
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