Märchen sind Seelennahrung
von Cindy Ziegler
Eine Geschichte über Märchen mit «es war einmal …» zu beginnen, ist nicht gerade elegant. Und vielleicht ist diese Formulierung gar überstrapaziert. Und dennoch passt sie in diesem Fall sehr gut. Denn sowohl die Schweizerische Märchengesellschaft wie auch der Churer Märchenkreis feiern heuer ihr 30-Jahre-Jubiläum. Zeit also, zurückzublicken. Und deshalb: Es war einmal …
Doris Portner hat den Churer Märchenkreis vor drei Jahrzehnten gegründet. Zum Gespräch steht sie im Saal von Planaterra 11 in Chur. Im Rahmen der Märchenstafette der Schweizerischen Märchengesellschaft werden an jenem Mittwochnachmittag im März Märchen erzählt. Zu Doris Portner gesellt sich Daniela Simeon. Auch sie ist eine Märchenerzählerin. Zusammen organisieren sie mit anderen monatliche Märchenabende für Erwachsene.
Ja, richtig gelesen. Märchen für die Grossen. «Märchen sind ursprünglich etwas für Erwachsene», erklärt Daniela Simeon. Und es gebe tatsächlich Märchen, die sie Kindern nicht erzählen würden. Aber dennoch. Zu brutal für Kinder seien Märchen nicht. «Kinder machen sich ihre eigenen Bilder vom Bösen, wenn sie ein Märchen erzählt bekommen», ergänzt Doris Portner. Und so nehmen die Kleinen genau das aus der Geschichte, was sie gerade brauchen. «So ist das auch bei Erwachsenen. Das Böse gehört zum Leben. Märchen gehen dabei aber immer gut aus. Das ist die schönste Botschaft.»
Aus einer Zeit, die schon sehr lange zurückliegt
Ein kurzer Blick rundherum. Vorne ist eine kleine Szene inszeniert. Auf einem Tisch steht ein Kübel mit roten Rosen. Am Fusse des Tisches ist ein kleiner Holzkorb platziert. Im Hintergrund eine weisse Leinwand und farbige Tücher. Die Musikerin und die Musiker beginnen sich einzuspielen. Feine Musik, die dann immer lauter wird. Sie tragen mit Klängen aus der Heimat in die Ferne. Die beiden Erzählerinnen hören kurz zu und kommen dann zurück zum Gespräch. «Grundsätzlich sind Märchen Bilder. Sie haben etwas Archaisches und stammen aus einer Zeit, die schon sehr lange zurückliegt. Früher war man ganz anders mit der Natur verbunden und das liest man auch aus den Märchen», sagt Doris Portner. Ihre Kollegin nickt und ergänzt: «Märchen sind Volksweisheiten. Es sind keine künstlich konstruierten Geschichten, sondern solche, die man gesammelt, erzählt und überliefert hat.»