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Leben & Freizeit

«Es ist gut, dass ihr da seid»

Barbara Gassler
22.08.2022, 07:28 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

«Es sind noch immer viele Fragen geblieben», sagt Iris. Sie ist Likrat-Vermittlerin und absolviert gerade ihren vierten Einsatz im Rahmen von Likrat-Public, einem Dialog- und Aufklärungsprojekt des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Zu zweit durchstreifen sie während drei Wochen Davos, beobachten, unterstützen oder greifen ein, wo nötig. «Die jüdischen Gäste haben schon einiges gelernt», stellt Iris fest. Dazu beigetragen haben sicher die Broschüre «Willkommen in den Schweizer Alpen» des SIG zuhanden jüdischer Gäste. An die Gastgeber wiederum richtet sich die Publikation «Jüdische Gäste in der Schweiz» von Hotellerie Suisse und Schweiz Tourismus. Gemeinsam hatten die drei Verbände die Papiere vor vier Jahren herausgegeben. Ein Thema darin ist die schweizerische Grüsskultur. Inzwischen würden ausländische jüdische Gäste sich vermehrt in dieser Kunst versuchen, sagt Iris. «Obwohl sie das aus ihren Heimatländern überhaupt nicht kennen.» Um solche Annäherungen zu unterstützen, sind die Likrat-Vermittelnden ständig auf Achse. «Wir gehen überall dort hin, wo es gemäss Rückmeldungen zu Problemen kommt.» Solche Orte seien zum Beispiel Spielplätze. «Ich beobachte sehr schöne Bilder von Kindern aller Herkunft, die miteinander spielen», stellt Iris fest. Dass Kinder auch mal ermahnt werden müssten, anderen Platz zu lassen, sei wohl normal und werde so gehandhabt. Gerne beschwere man sich auf Davoser Seite auch, dass sich jüdische Gruppen auf den Trottoirs breitmachten und keinen Platz für andere liessen. Doch das sei keine exklusiv jüdische Unart, stellt die Vermittlerin fest. «Da sehe ich keinen Grund, einzuschreiten.»

Einfache Lösungen

Viele Probleme würden aus gegenseitiger Unkenntnis geboren und könnten relativ einfach behoben werden, weiss Iris inzwischen. «Dazu muss man zuerst einmal wissen, dass für diese Menschen die Ferien in Davos ein absoluter Höhepunkt sind.» Zu Hause seien sie sehr stark von der Arbeit absorbiert, und das Leben spiele sich grösstenteils im Haus ab. «Dann kommen sie hierher, in die Natur, die Berge, die frische Luft und sind zuerst einmal einfach begeistert.» Ausserdem sei das ein Ort, wo man als Familie wieder zusammensein könne. Darum sehe sie eigentlich nur strahlende Gesichter, wenn sie ihnen unterwegs begegne.

Allerseits Zufriedenheit entsteht auch, wenn die von den Vermittlern empfohlenen, einfachen Massnahmen umgesetzt werden. «Seit Jahren beschweren sich Gastronomen, dass jüdische Gäste ihre Tische besetzten und nur ein Getränk konsumierten. Oft würden sie sogar noch ihr Picknick auspacken.» Einige Bänke nebenan aufzustellen, sei da die einfache Lösung. Denn aufgrund der Essensvorschriften könnten sich jüdische Gäste nicht in Restaurants ohne entsprechendes Angebot verpflegen, möchten sich aber doch irgendwo hinsetzen. «Dieses Jahr habe ich auf Parsenn und der Schatzalp solche Plätze entdeckt», ist Iris begeistert. «Davon profitieren auch die Gastronomen, weil dann sicher auch ein Süssgetränk oder ein Wasserglace gekauft wird.» Apropos, das Geschäft mit koscherer Glace sei ausprobiert und wieder verworfen worden. «Es lohnte sich einfach nicht.» Dagegen sei die koschere Abteilung eines Grossverteilers hier in Davos schöner und grösser als jene bei ihr zu Hause in Basel. «Jüdische Gäste konsumieren also durchaus.»

Persönlich ansprechen

Ein weiterer, immer wieder auftauchender Reibungspunkt sind die Wohnungen. «Hier wäre es unendlich hilfreich, wenn den Gästen nicht nur einfach ein Schlüssel ausgehändigt oder hinterlegt würde, sondern auch noch kurz erklärt, welche Gepflogenheiten es hier gibt», nimmt Iris die Vermieter in die Pflicht. Auf die Idee, einen Abfallsack zu kaufen, käme zum Beispiel Gästen aus Israel nie im Leben. Ein Problem, das sich nicht an der Religion oder Kultur der Gäste festmachen lässt, ist hingegen die Übergabe der Wohnungen. «Wenn diese persönlich geschehen würde, könnte bei der Rücknahme auch sofort festgestellt werden, welche Beschädigungen neu sind», mahnt die Vermittlerin. «Auch der Begriff ‹Endreinigung› führt oft zu Missverständnissen. Die Leute gehen dann davon aus, dass sie die Wohnung mit allem, inklusive dem Abfall, einfach so hinterlassen können.»

Der grösste Teil der Probleme sei ausgeräumt, sagt Iris. «Doch hier prallen teils ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander, die eigentlich am liebsten unter sich bleiben würden.» Da dies im vorliegenden Fall nicht möglich ist, bleibt beiden Seiten nur, Verständnis für die jeweils andere aufzubringen und sich mit deren Eigenheiten zu arrangieren.

Likrat-Vermittelnden sind erreichbar unter der Nummer 043 305 07 65.

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