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Leben & Freizeit

Er hat Davos für die Haut entdeckt

Davoser Zeitung
14.03.2022, 08:59 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Geboren am 2. Juni 1924 in Berlin-Wilmersdorf studierte Siegfried Borelli ­Humanmedizin in Berlin, Prag und ­Hamburg, unterbrochen vom Krieg mit schwerer Verwundung, bei der er ein ­Auge verlor. Neben Medizin studierte er noch Psychologie und erwarb einen zweiten Doktortitel.

Dermatologe und Allergologe

1949 schloss er sich als Assistenzarzt dem Team von Professor Alfred Marchionini an der Hautklinik Hamburg an, dem er 1951 nach München folgte und der ihn vor allem auch für die Untersuchungen zum Einfluss von Klimafaktoren auf Hautkrankheiten und Allergien motivierte. Borellis wissenschaftliche Leistungen sind beeindruckend mit über 500 Pub­likationen in Fachzeitschriften und ­Büchern. Einmalig ist das siebenbändige Nachschlagewerk «Krankheiten der Haut und Schleimhaut durch Kontakte in ­Beruf und Umwelt» ( «Noxenkatalog»).

1967 erhielt Siegfried Borelli einen Ruf auf den neuzugründenden Lehrstuhl für Dermatologie und Venerologie an der neuen Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München (TUM).

Neben der exzellenten Patientenversorgung, die immer auch die menschlichen Aspekte umfasste – waren ihm gute Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter sowie die Aus- und Weiterbildung von Studierenden und jungen Fachärzten ganz besonders wichtig.

Klimaforschung für Hauterkrankungen und Allergien

Zusammen mit seinem Lehrer Alfred Marchionini suchte er von 1951 bis 1960 an verschiedensten Orten in Bayern, ­Österreich, Italien und der Schweiz nach möglichen Orten für Klimatherapie von Hautkrankheiten und fand schliesslich Davos als am besten geeignet. Man kann sagen, dass Siegfried Borelli die geschützte Hochgebirgstal-Lage von Davos für die Haut und die Allergie entdeckt hat; für die Lunge war dies schon im 19. Jahr­hundert bekannt, als Alexander Spengler das erste Sanatorium errichtet hatte.

Zur Realisierung waren aber intensive Verhandlungen mit verschiedenen Stellen in Deutschland, der Schweiz und Bayern notwendig, bis es 1960 im Auftrag des Bundesministers für Arbeit und Soziales (BMA) der Bundesrepublik Deutschland zur Gründung einer dermatologischen Abteilung im Sanatorium Valbella in Davos Dorf kam, die am 1.4.1961 eröffnet wurde. 1967 stimmte das Bayerische Kultusministerium der Berufung von Siegfried Borelli zum Chefarzt der Höhenklinik Valbella in Personalunion mit der Leitung der Dermatologischen Klinik der TU München am Biederstein zu. 1974 wurde die Klinik ins Alexanderhaus verlegt. Es wurde 1976/77 renoviert und mit Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und verschiedene Träger weiter ausgebaut und schliesslich zur berühmten «Deutschen Klinik für Dermatologie und Allergie Davos – Alexanderhausklinik». Sie behandelte bis 1992 mit über 300 Betten und mit monatelangen Wartezeiten insgesamt über 46 000 Patienten mit Hauterkrankungen und Allergien. Viele dieser Patienten erfuhren nicht nur kurzzeitige Linderung, sondern lang anhaltende, richtungs­weisende Verbesserung. 1993 bis 1995 wurde das Haus erneut renoviert.

Ausreichend Zeit für die Klima-Effekte

Besonders wichtig war Siegfried Borelli, dass ausreichend Zeit für die stationäre Behandlung zur Verfügung stand, mindestens vier bis sechs Wochen. Heute wird das leider oft auf drei Wochen reduziert, damit sind die bekannten Erfolge manchmal nicht zu erzielen.

Im Alexanderhaus gibt es immer noch eine Kapelle, die alte Kurkirche der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Sie diente den Tuberkulosekranken, die ja nicht in die allgemeine Kirche durften.

Zeitweise war die Klinik an drei Standorten tätig: Neben dem zentralen Alexanderhaus gab es an der Horlaubenstrasse das Kinder-Albula (1978 bis 1985), zeitweise mit dem gegenüberliegenden Sanssouci, und das Erwachsenen-Albula, das 1990 zum heutigen «Youth Palace» umgebaut wurde.

Borelli betrieb im Alexanderhaus auch klinisch-allergologische Forschung, insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für Allergie-und Asthma-Forschung (SIAF), schon mit den Leitern Ernst Sorkin, später Kurt Blaser und schliesslich mit dem jetzigen SIAF-Direktor Cezmi Akdis.

Leider wurde die Alexanderhausklinik 2004 geschlossen, als die Träger-Holding (nicht das Alexanderhaus selber!) in ­finanzielle Schieflage geriet. Seit 2005 besteht eine Abteilung für Dermatologie und Allergologie an der Hochgebirgsklinik Davos in Wolfgang, die von Borellis Nachfolger, Johannes Ring, danach von Möhrenschlager geleitet wurde und wird.

Borelli als Kongress-Organisator

Siegfried Borellis Organisationstalent kam auch in der Ausrichtung von wissenschaftlichen Tagungen und Kongressen zum Tragen. So führte er zwischen 1961 und 1986 Seminare im Rahmen der Kongresse der Deutschen Bundesärztekammer durch. Von 1986 an gab es die jährliche Tagung «Fortschritte der Allergologie, Immunologie und Dermatologie» im September in Davos, die sich über fast 30 Jahre grosser Beliebtheit mit bis zu 500 Teilnehmern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien erfreute.

Als sein Nachfolger sowohl in München wie in Davos durfte ich diese Tradition weiterführen. Ich bin Siegfried Borelli für vielfältige und nachhaltige Unterstützung zutiefst dankbar.

Viele Ehrungen

Siegfried Borellis Wirken wurde mit vielen Ehrungen bedacht. Er war Träger des grossen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, Träger des Bayerischen Verdienstordens, und er trug das Ehrenkreuz I für Wissenschaft und Kunst/Litteris et Artibus der Republik Österreich. Ferner erhielt er die Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft, auch wurde ihm die Ernst-von-Bergmann-Plakette sowie die Hartmann-Thieding-Plakette verliehen. Weiter war er Ehrenmitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Fachgesellschaften. 2004 erhielt er das Ehrenwappen der Gemeinde Davos in Würdigung seines langjährigen Einsatzes für den Kur- und Kongressort.

Vielseitig interessiert

Siegfried Borelli war ein Mensch mit klarer, direkter Denke und Sprache, der nicht um die Dinge herumredete.Trotz seines gewaltigen Arbeitspensums, das er mit äusserster Akribie und Korrektheit auch in scheinbar kleinen Dingen erledigte, fand Siegfried Borelli Zeit, sich mit menschlichen, soziologischen und kulturellen Fragen unserer Zeit zu befassen, manchmal in durchaus kritischer Weise. So legte er auch eine Sammlung von Kirchner-Gemälden an. Es war immer interessant und kurzweilig, sich mit ihm auszutauschen. Bis zum Schluss aufrecht, schlief er am 20. November 2021 friedlich ein, um nicht mehr aufzuwachen. Der Tod seiner Frau sowie eine zunehmende Sehbehinderung auf dem vom Krieg verschonten Auge, beeinträchtigten seine letzte Lebenszeit erheblich.

Zusammen mit seinen Kindern Siegfried Borelli und Claudia Borelli und deren Familien blieb er bis zum Schluss seinem grossen beruflichen Werk in München und ganz besonders auch in Davos verbunden.

Johannes Ring

(Professor emeritus Haut- und Allergieklinik TU München und
Abteilung Dermatologie und Allergologie Hochgebirgsklinik Davos)

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