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Leben & Freizeit

Eine Anerkennung mit Verpflichtung für Tujetsch

Bündner Woche
11.01.2023, 04:30 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

Von Cindy Ziegler

Irgendwie scheint hier etwas durcheinandergeraten zu sein. In Sedrun, zu hinterst – und zu oberst – in der Surselva, sind die Wiesen Anfang Januar grün. Und der Wind zwar da, aber nicht eisig kalt, sondern frühlingshaft föhnig. Der Klimawandel ist auch hier oben angekommen. Und was machen wir? Wir suchen. Nicht den Schnee, sondern die Jugend im Bergdorf. Tatsächlich verkehrte Welt. Denn in Tujetsch, die politische Gemeinde, die aus 11 Weilern besteht, gibt es mehr gelbe Wegweiser als ständige Einwohnerinnen und Einwohner. Zugegeben. Vielleicht ist das etwas spitzfindig, aber sinnbildlich. Wie viele andere Bergdörfer kämpft auch die Gemeinde Tujetsch seit Jahren mit Abwanderung. «Die Entvölkerung der Berge ist tatsächlich ein grosses Problem», erklärt Gemeindepräsident Martin Cavegn. Und ist trotzdem positiv gestimmt. Kürzlich hat die Gemeinde von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete das Label «jugendfreundliches Bergdorf» erhalten. Der Präsident bezeichnet es als Anerkennung und versteht es als Verpflichtung.

Sich austauschen

Martin Cavegn sitzt im hölzernen Sitzungszimmer des Gemeindehauses. Neben ihm Nicola Giossi, der gerade seinen Snowboardhelm an den Stuhl hängt und sich durch die schwarzen Haare fährt. Auch Daniel Schmid ist noch pistentauglich gekleidet. Letzterer ist im Gemeindevorstand und führt das Departement Erziehung, Kultur und Sport. Sein dunkelhaariger Kollege ist im Vorstand der Jungmannschaft. Mit Martin Cavegn tun sie das, was in Tujetsch grossgeschrieben wird. Sich austauschen.

«Ein jugendfreundliches Bergdorf ist man nicht einfach. Das wird man, in dem man Sachen angeht», sagt Daniel Schmid. Er erzählt, dass die Gemeinde sich das Thema Jugendfreundlichkeit schon länger auf die Fahne geschrieben hat und deshalb auch schon einiges diesbezüglich realisiert hat. Dennoch sei die Auszeichnung auch für ihn ein Statement mit Verpflichtung. Durch das Label, für das die Gemeinde ein Konzept ausarbeiten musste, soll das Thema noch mehr im Gemeindeapparat verankert werden. Die Frage, warum das wichtig ist, beantwortet Martin Cavegn. «All unsere Tätigkeiten basieren darauf, dafür zu sorgen, dass die Jungen im Dorf bleiben oder hierher zurückkommen.» Im Schnitt gibt es zwei bis drei Geburten pro Jahr in Tujetsch. «Da muss man nicht gross rechnen. Das ist einfach zu wenig, um das Dorf am Leben zu erhalten», so der Gemeindepräsident.

Sich begegnen

Konkrete Projekte für die Jugend gibt es in Tujetsch viele. Und neue Ideen noch viel mehr. Am wichtigsten? Den Kontakt zwischen den Generationen aufrechterhalten. «Das klingt doof, aber dass man sich als Gemeindevorstand zweimal im Jahr mit der Jugend trifft, ist gar nicht mal so selbstverständlich», stellt Daniel Schmid klar. Martin Cavegn nickt. Seit ein paar Jahren gibt es ein Online-Meeting, analog einer Gemeindeversammlung, an dem der Präsident die Jugend darüber informiert, was im Dorf läuft. Und die jungen Leute informieren Martin Cavegn über ihre Bedürfnisse. Daraus sei schon viel Wertvolles entstanden. So beispielsweise ein Rufbussystem, damit es die Gewerbeschülerinnen und Gewerbeschüler pünktlich nach Chur schaffen. «Dass das so schnell und unkompliziert angepackt wurde, war schon sehr cool», mischt sich auch Nicola Giossi in die Diskussion ein. Der Jüngste in der Runde. Für ihn war klar, dass er in Sedrun bleiben will. Auch, wenn das nicht immer gleich attraktiv ist. Bezahlbarer Wohnraum beispielsweise sei ein Problem. Es gebe keine Studios und kaum WG-Zimmer zu mieten. Und auch für junge Familien sei es schwierig, sich etwas zu kaufen. Aber die Gemeinde tut, was sie kann. Kauft Parzellen und gibt sie im Baurecht ab, zum Beispiel. Oder sie schafft Begegnungsräume für die Jugend.

Martin Cavegn würde sich diesbezüglich eine andere, politische Haltung wünschen. «Oft investieren wir in die ältere Generation und nicht in die junge. Wenn wir eine Strasse für zwei Millionen sanieren, ist das kein Problem. Wollen wir aber 10 000 Franken für ein Jugendprojekt ausgeben, dann gibt es Diskussionen», erklärt er kritisch. Dabei seien solche Entscheidungen wegweisend.

Sich verstehen

Nach dem Gespräch im Gemeindehaus führt Daniel Schmid durch das Dorf, in dem alles nah beieinanderliegt. Direkt unter der politischen Wirkungsstätte liegt die «Talina». Ein Jugendraum im Luftschutzbunker, in dem schon er als Schüler viel Zeit verbracht hat. Kürzlich wurde der Bunker renoviert. In einem Raum riecht es noch nach frischer Farbe. Die Decke ist schwarz gestrichen. «Ich hätte das wohl nicht so gemacht, aber ich finde es cool», meint Daniel Schmid. Und ergänzt. «Wir ticken anders als die Jugend von heute. Die Welt ist viel schnelllebiger geworden. Trends kommen und gehen. Was jetzt in ist, ist morgen out. Und das ist okay. Auch wenn das bedeutet, dass die Kids ihren Raum jeden Monat neu streichen wollen.» Er grinst und erinnert ans vorherige Gespräch. «Unsere Generation hat oft das Gefühl, sie wüsste, was die Jugend denkt. Wenn wir im Gemeindevorstand über Themen sprechen, dann kommen uns viele Sachen, die die Jugend bewegen, gar nicht erst in den Sinn. Es war ein Prozess zu erkennen, dass wir da ein Manko haben», meinte Martin Cavegn da. «Wir sagen schon, was es braucht und was nicht», antwortete Nicola Giossi. Die drei lachten. «Nun ja. Wenn ihr Jungen etwas von uns lernen könnt, dann, dass ihr euch meldet. Ihr hättet viel mehr Kraft, würdet ihr sie effektiv nutzen. Kein Gemeindevorstand kann es sich leisten, die Meinung der Jungen zu ignorieren», so der Gemeindepräsident.

 

Daniel Schmid schliesst die schwere Bunkertüre wieder und geht voraus. Vorbei an gelben Wandertafeln und bunten Geschäften. Vor einem kleinen Industriebau bleibt er stehen. Aus dem ehemaligen Kraftwerk soll ein neuer Jugendraum entstehen. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die schon mit der Schule fertig sind. Auch das ein gemeinsames Projekt. Die Gemeinde hat das Gebäude gekauft und stellt es den Jungen zur Verfügung. Diese wiederum bringen Ideen, legen Hand an und planen ihren Raum. Im Innern ist es roh. Noch. «Derzeit läuft die Ideensammlung», erklärt Daniel Schmid.

Vom Jugendraum, der noch keiner ist, gehen wir weiter zur Schule, die kaum zwei Gehminuten entfernt ist. An diesem Dienstag nach Neujahr ist es ruhig auf dem Areal. Normalerweise werden hier Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur neunten Klasse unterrichtet. «Wir waren damals 24 Kinder in meiner Klasse. Verrückt, oder?», fragt Daniel Schmid, ohne eine Antwort zu erwarten. Nicola Giossi kam uns zuvor. Seine Klasse zählte nur noch neun Kinder. «Das ist scheisse. Es gab zwei Gruppen. Entweder du gehörst dazu oder eben nicht. Ich wünsche mir für alle, die nach uns kommen, dass sie wieder mehr in der Klasse sind. Dass wieder mehr Menschen nach Tujetsch kommen, als dass welche gehen. Denn so wird das Dorf interessanter für alle», meinte er im Gespräch. Die drei Männer haben eine gemeinsame Vision für ihr Dorf: «Dass es sich auch in Zukunft hier oben gut leben lässt». Und das ist gar nicht mal so verkehrt.

www.jugend-im-berggebiet.ch

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