Ein Reisecar mit 47 Flüchtenden und einem Hund auf dem Weg ins Prättigau
Claudio Eugster und Rosmarie Christoffel sind am Sonntagmorgen um 3 Uhr in Landquart mit ihrem Reisecar Richtung polnisch-ukrainischer Grenze gestartet. Mit dabei haben sie Esswaren, Hygieneprodukte sowie Autokindersitze. Um 21.30 Uhr schreiben Eugster und Christoffel eine Whatsapp-Nachricht: «Sind gut in Przemysl angekommen. Gute Nacht.» Am Montag um 11 Uhr dann: Zusammen mit ihrer Kontaktperson würden sie schauen, wer mitkommen wolle. «Die ersten Familien sind schon im Bus.» Ein paar Stunden später: «Der Bus füllt sich immer mehr.» Und später am Nachmittag dies: «47 Personen und ein Hund sind auf der Rückfahrt in die Schweiz.»
Eugster und Christoffel sind unterwegs im Auftrag von «Kirchen helfen – Prättigau». Die Bilder vom Krieg in der Ukraine hätten sie nicht losgelassen, sagen Lars Gschwend und Walter Bstieler. Geschwend ist Gemeindeleiter der katholischen Kirchgemeinde Vorder- und Mittelprättigau. Bstieler arbeitet als Sozialdiakon in der Evangelisch-reformierten Kirche Kloster-Serneus.
Krieg in Europa
Zusammen mit Familie, Freunden und Bekannten wollten Gschwend und Bstieler nicht nur vom Elend reden. Sie wollten auch etwas dagegen tun. Am Sonntag vor einer Woche hätten sie um das «Wie, wann und wo können wir helfen?» diskutiert, erzählt Gschwend. Am gleichen Tag luden sie alle Kirchgemeinden, Pfarreien und Freikirchen zwischen Landquart und Davos zum Mitdiskutieren ein. «Zwei Tage später, am Dienstag, fand ein Zoom-Meeting mit den Angesprochenen statt», sagt Gschwend. «Es war ein voller Erfolg.» Aus dem Meeting sei ein Organisationskomitee entstanden, das sich in der vergangenen Woche um zwei Projektideen gekümmert habe.
Langsam wird der Platz in den Auffangzentren rund um die Ukraine immer rarer.»
Walter Bstieler, Sozialdiakon Kloster-Serneus
Ihr Hilfswerk «Kirchen helfen – Prättigau» ist schon längst angelaufen. Und innert kürzester Zeit wurde auch die professionelle Website khgr.ch aufgeschaltet. Sie dient als Vernetzungsinstrument unter den teilnehmenden Kirchgemeinden, Pfarreien und Freikirchen. Zudem finden Spendenwillige alle nützlichen Informationen und die Website schafft Transparenz. Kurz: «Kirchen helfen – Prättigau» hat sich in nur gerade einer Woche zu einem Prättigauer Dreh- und Angelpunkt in der humanitären Hilfe rund um den Ukraine-Krieg entwickelt. «Es ist Krieg in Europa. Eine Situation, die man sich vor rund drei Wochen noch nicht vorstellen konnte», sagt Bstieler. Es treffe wieder die Ärmsten der Armen. Es fehle an Nahrungs- und Arzneimittel. «Und langsam wird der Platz in den Auffangzentren rund um die Ukraine immer rarer.»
Auf Hilfe angewiesen
Zurück zu Eugster und Christoffel an der polnisch-ukrainischen Grenze. «Wir müssen sorgfältig vorgehen und uns sensibel verhalten», betont Gschwend. Nicht alle Ukrainerinnen und Ukrainer, die dort seien, wollten unbedingt in die Schweiz oder überhaupt weg. Aber jene, die kommen wollten, denen müsse man eine sichere Unterkunft bieten. Es gäbe da so einiges zu beachten. Daniela Gschwend ist ebenfalls Mitglied des Organisationskomitees. Sie ist unter anderem zuständig für die Suche nach Unterkünften und kümmert sich um die Bürokratie. Es gebe durchaus ein paar Dinge zu bedenken, sagt sie. Gastgeber müssten sich beispielsweise darauf einstellen, Geflüchtete mindestens drei Monate aufzunehmen. Gschwend und Bstieler freuen sich: «Der Rücklauf an Angeboten ist sehr gut.»
Menschen vorübergehend eine Unterkunft anzubieten, ist das eine. Es geht aber auch um Hilfsgüter. «Die erste Lieferung von Hilfsgütern aus dem Prättigau wird nach Frauenfeld geliefert, von wo aus diese in die betroffenen Gebiete transportiert werden», erklärt Bstieler. Sie seien auf Hilfe angewiesen. Sei es bei den Unterkünften, beim Sammeln von Nahrungsmitteln und Hilfsgütern oder bei der Finanzierung der Palette mit Nahrungsmitteln. «Mit der Firma Hilcona haben wir hier einen starken Partner gefunden, bei dem unkompliziert und zu fairen Preisen Paletten mit Büchsennahrung erworben werden kann.»
Apropos unkompliziert: Mit Car Reisen Christoffel hilft auch hier ein Unternehmen mit. Es stellt den Bus und eine weitere Chauffeurin zur Verfügung.