Ein Kapitel, das noch nicht zu Ende ist
«Gastfeindschaft – Davos’ geschichtsträchtige braune und blaue Häuser» lautete der Titel des Stadtrund-ganges, der von Architekt Jürg Grassl und dem ehemaligen Leiter der Dokumentationsbibliothek Timothy Nelson geleitet wurde.
Zu den sonst üblichen «Bau und Kultur»-Stammgästen gestellten sich bei der letzten Führung viele Menschen mehr dazu. Das Thema «Nazizeit in Davos» scheint also bei vielen Einheimischen auf Interesse zu stossen. Und enttäuscht wurden die vielen Spaziergänger nicht. Die Organisatoren schafften es, das Format «Architekturrundgang» geschickt mit der Politikgeschichte zu verknüpfen. Einige der während des Spaziergangs erzählten Geschichten sollen auf dieser Doppelseite wiedergegeben werden. Zum Schluss resümierte Grassl, dass die Geschichte des Nationalsozialismus noch nicht vorbei sei. Er verwies dabei auf Vorwürfe gegen den Davoser Ehrenbürger Klaus-Michael Kühne, dessen Logistikunternehmen während des Krieges eine unrühmliche Rolle gespielt haben soll. Auch heute finde man bei jungen Menschen rechtsradikales Gedankengut. Ein Grüscher, der in Davos seine Lehrer absolviert hat, ist zu einem Wortführer der Neonazi-Bewegung «Junge Tat» geworden, wusste der Architekt zu berichten.
Wer wollte, konnte am Abend im Kino Kulturplatz dem Thema noch auf einer anderen Ebene begegnen. Nachdem der Film «Konfrontation» von Rolf Lyssy über das Gustloff-Attentat gezeigt worden war, fand eine Podiumsdiskussion mit dem Publizisten Max Czollek, der jüngst die Ausstellung «Rache: Fiktion und Realität» im jüdischen Museum Frankfurt mitkuratierte, statt. Dieser fasste den Tag in folgende Worte: «Am Nachmittag ging es auf Erkundungstour durch die Stadt, immer auf den Spuren der angespannten Geschichte der deutschen, deutsch-jüdischen und schweizerisch-deutschen Konflikte. Ach, wäre Davos nur auch so effektiv bei der Lösung dieser Fieberschübe gewesen wie bei den körperlichen Malaisen seiner Patientinnen und Patienten. Als der junge Medizinstudent David Frankfurter 1936 den NSDAP-Landesgruppenleiter der Schweiz, Wilhelm Gustloff, erschoss, sah es tatsächlich einen Moment so aus, als schickte sich dieses kleine Städtchen im Landwassertal an, direkt in das Weltgeschehen einzugreifen. Doch es war schon zu spät und der Virus nationaler Gefühllosigkeit bereits zu tief in die Menschen eingedrungen. Und so blieb uns auch an diesem Herbsttag nur, auf den Spuren einer Geschichte zu wandeln, die keiner hatte verhindern können. Abends sahen wir noch den Film ‹Konfrontation› und führten anschliessend ein Gespräch über Frankfurters Tat, und deren Vergessenheit im Davoser Geschichtsverständnis. Was mir auf dem Nachhauseweg blieb, war die Hoffnung, dass uns eine Gegenwart gelingen möge, die in achtzig Jahren keiner solcher Erinnerungsspaziergänge bedarf.»