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Leben & Freizeit

Ein Gespräch über Wärme, Wohnen und Wohlstand

Bündner Woche
27.09.2022, 13:38 Uhr
heute um 12:16 Uhr

von Cindy Ziegler

Ein rot-weiss gemustertes Foulard und ein blauer Pullover. Platinblonde Haare, ein Nasenpiercing, auffällige Ohrringe. Und ein warmes Lächeln. Das alles trägt die Flimserin Lara Grünenfelder, als sie im Gespräch über ihr jüngstes Projekt in ihrem Bachelorstudium spricht. Was sie trägt, ist wichtig. Ist ihr wichtig. Und irgendwie auch wichtig, um die Zusammenhänge zu verstehen. Die 23-Jährige ist gelernte Schneiderin und studiert derzeit in Luzern Textildesign. In ihrer Studiumsarbeit hat sie sich mit dem Türalihus in Valendas (siehe Box unten) beschäftigt und sich von der altehrwürdigen Baute aus ihrer Heimat inspirieren lassen. Entstanden sind verschiedene Samples für Wohnzimmerdecken, ein Teppich und Küchentücher. Das erzählt Lara Grünenfelder nicht ohne Stolz.

Von den Wänden bröckelt hier und da die Farbe und das Holz schafft sich an die Oberfläche. Die alten Dielen scheinen schon beim Betrachten der Fotos zu knarren und die Schritte auf dem Steinboden zu widerhallen. Lara Grünenfelder kennt das Türalihus schon aus Schulzeiten. «Wir haben viel darüber gelernt. Als ich im Rahmen des Projektes selbst durch die Räume streifte, hat das Haus vor allem den Reichtum seiner einstigen Besitzenden präsentiert», erinnert sie sich. Matte, stumpfe Farben hätten das Gebäude dominiert. «Früher war das bestimmt ganz anders. Kräftige und glänzende Farben.» In den Heimtextilien, die sie dem Türalihus gewidmet hat, sollen diese Farben verbindend für das Früher und Heute stehen. «Ich habe die Sprache des Hauses in die Sprache der Textilien übersetzt. Da sind die Farben natürlich zentral», erklärt die Studentin. Und findet, dass ihr diese Übersetzung besonders gut in einem der Samples für eine Wohnzimmerdecke gelungen ist. Eine dunkelgrüne mit verschieden Kästchen in matter und kräftiger Couleur. «Mir gefällt die Ästhetik, aber auch die Webtechnik und die Wertigkeit des Materials», erzählt Lara Grünenfelder.

Lara Grünenfelder

Es sind Anforderungen, die die junge Frau immer an Textilien stellt. Ihr gefalle die Haptik des Textilen, sie fände das Handwerk dahinter interessant und sei fasziniert, wie das weiche Gewebe die Farben aufnehmen und wiedergeben können. «Textilien sind einfach wahnsinnig vielfältig», sagt sie und lächelt milde. Und im Gegensatz zu anderen Materialien würden Textilien viel Wärme abgeben und das Gefühl von Geborgenheit vermitteln. «Sie machen einen Raum sofort zu einem Wohnraum.»

Lara Grünenfelder fasst sich kurz an das kunstvoll gebundene Foulard um ihren Hals. Eines ihrer liebsten Textilien. «Ich mag Foulards. Meist sind sie aus Seide oder Baumwolle und sehr angenehm zu tragen», erklärt sie. Sie habe aber auch eine Vorliebe für Wohnzimmerdecken. «Da hat man eine grosse textile Fläche, die man gestalten kann.»

Schon seit sie denken könne, habe sie Gewobenes, Gestricktes und Genähtes fasziniert. «Ich ging am liebsten in die Handarbeit. Das hat mich schon immer mehr interessiert als alles andere», erinnert sich die Flimserin. Und so wird sie Schneiderin. «Nach der Lehre brauchte ich dennoch ein bisschen Abstand zu Textilien», erzählt sie. Sie absolviert den gestalterischen Vorkurs. Und lernt dort, dass Textilien weit mehr als Kleider sind. Nämlich ein vielseitiges Material. Nächsten Sommer schliesst sie das Textildesign-Studium mit einem Bachelor ab. Und dann? Wieder lacht Lara Grünenfelder. «Das weiss ich noch nicht. Vielleicht sollte ich mir langsam Gedanken machen. Den Bereich nachhaltige Textilien fände ich sehr spannend. Vielleicht sogar in diesem Bereich zu forschen.»

Wir stellen uns Lara Grünenfelders Kleiderschrank vor. Viel Selbstgemachtes. «Ja», meint sie. Aber auch viel Secondhand und Fairproduziertes. «Das ist mir sehr wichtig.» Vom Kleiderschrank zum WG-Zimmer in Luzern, wo die Flimserin studiert. «Ich habe sehr viel Textiles in meinem Zimmer. Natürlich Vorhänge.Tatsächlich habe ich kein grosses Zimmer. Sonst hätte ich wohl noch einen grossen Teppich.»

Einen Teppich für das Türalihus

Apropos Teppich. Einen solchen hat Lara Grünenfelder ebenso produziert. Eine Hommage an den Boden im Türalihus, wo schon so viele Menschen ihre Spuren hinterliessen. «Ich hatte schon Respekt davor, dass ich dem Haus mit meinen Arbeiten gerecht werde. Dass der Teppich, die Decken und die Geschirrtücher zum Haus, zur Region aber auch zu mir passen.» Jetzt, wo das Projekt abgeschlossen ist, ist die 23-Jährige zufrieden. «Vielleicht werden die Küchentücher sogar in Serie produziert», erwähnt sie beinahe beiläufig.

So oder so habe sie viel gelernt. Allem voran, dass man nicht immer weit gehen muss, um Inspiration zu finden. Auch der persönliche Bezug, der in der Gestaltung Platz gefunden hat, will sie sich beibehalten. Noch spricht Lara Grünenfelder ihre eigene Textilsprache nicht. «Ich bin aber auf dem Weg dahin.» Eines wisse sie jetzt schon genau: Zentral werden Farben sein. Matte und kräftige. Stumpfe und glänzende. Genauso wie im Türalihus.

Das Türalihus

«Selbstbewusst steht das stattliche Haus mit seinem charakteristischen Treppenturm an der Hauptstrasse Valendas, wo sich auch die übrigen Herrschaftshäuser der wohlhabenden Bürgerfamilien vergangener Tage befinden», schreibt die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» zum Türalihus. Es erzähle von der Geschichte, wie Dorfbewohner als Zuckerbäcker und Söldner zu Reichtum gelangten. Charakteristisch für das prächtige Haus sei vor allem der markante Treppenturm mit Täfern. Laut einer Untersuchung der Bündner Denkmalpflege gab es im Türalihus viele Besitzwechsel. Im Jahr 2007 veräusserte der Flimser Architekt Valerio Olgiati das seit Jahrzehnten leer stehende Haus an «Ferien im Baudenkmal». Das Türali (der Treppenturm) wurde dem Ursprungsbau von 1485 erst später zugeführt.

www.ferienimbaudenkmal.ch/tueralihus

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