Ein Gemeindepräsident aus Versam: Im Herzen Bündner
von Cindy Ziegler
Das Postauto nach Versam schlängelt sich über die Strasse und durch die Dunkelheit. Nur wenige Menschen wollen an diesem Dienstagabend im Januar ins Safiental. Ein paar Schüler steigen zu, während die Chauffeurin gleich noch den Briefkasten an der Haltestelle leert. In Versam Post heisst helles Licht in einem kleinen Selbstbedienungsladen willkommen. Die Schüler setzen sich kurz auf die weichen Sessel im Innern. Lukas Züst, ein junger Mann mit Bart und Schirmmütze, begrüsst die Jungs freundlich und stellt sich im gleichen Ton mir vor. Er führt durch den hinteren Teil des Raumes, der Backstube seiner Frau Hannah. Oben in der Wohnung stehen kleine und grosse Winterstiefel auf den Holzstufen. Ein Mädchen steckt mir Stolz ihre Hand entgegen. «Seisch ‹Hoi› Emmylou», weist ihr Papa sie an. Dann doch überraschend schüchtern kommt das Wort über ihre Lippen. Lukas Züst lächelt über das Gebaren seiner Zweijährigen.
Hinter dem Küchentisch hängen viele Karten und Fotos. Geburtsanzeigen, Muttertagszeichnungen, Hochzeitseinladungen. Eine Ikea-Stehlampe sorgt für gelbes Licht, das die warme Stimmung im Raum verstärkt. An den Scheiben sind kleine, fettige Handabdrücke erkennbar. Lukas Züst schiebt sich auf die Eckbank und beginnt zu erzählen. Frei von der Leber weg, so mache er das immer, meint er. «Ich bin vom Hals abwärts langsam wie ein Berner, habe die ‹Schnorre› eins Zürchers und bin im Herzen Bündner.» Ein Satz, der schnell erklärt, woher er kommt, nicht aber, was ihn nach Versam gebracht hat. Dazu muss der 33-Jährige ein bisschen ausholen.
Die Geschichte beginnt mit der Liebe zu Baumaschinen. Schon als kleiner Junge wollte Lukas Züst Maschinist werden. «Und so interessierten mich zwangsläufig auch Pistenmaschinen», erklärt er. Nach der Ausbildung suchte er einen Job. Im St. Gallerischen Wildhaus meinten sie, er hätte als Zürcher ohnehin keine Chance. In Laax kommt der «Züzi» dann aber zu einem Job und hinter das Steuer der Pistenmaschinen. Nach zwei Saisons in den Bergen und zwei Sommern im Unterland habe er es unten nicht mehr ausgehalten. «Ich fühlte mich in Graubünden schnell ‹Dihei›. Der Nebel im Unterland tat sein übriges», erklärt er.