Ein Engadiner hat sich zurückgekämpft
von Riccarda Hartmann
Gelber Pulli. Jeans. Eine runde Brille ohne Rahmen, dahinter funkelnde Augen. Ein fester Händedruck. Dunkle Haare, dunkle Augenbrauen und dunkler Dreitagebart. So tritt der Engadiner Miguel Silva am Donnerstagabend auf, als er von der Berufsschule in Chur kommt. 23 Jahre ist er jung und nun im vierten Lehrjahr zum Bauzeichner.
An sich nichts Aussergewöhnliches. Doch dass er heute hier ist, ist es. «Der Unfall ist blöd gelaufen», meint er mit einer tiefen, ruhigen Stimme und sein Blick wandert nach unten. Mai 2017. Auf einem Dach im Tessin. Dort stürzt er zwölf Meter in die Tiefe. Erinnerungen besitzt er nur noch an den Zeitpunkt auf dem Dach. Alles, was danach passiert ist, wisse er nur von dem, was ihm erzählt worden sei. Und das fasst er zusammen. Mit dem Bauch prallt er zuerst von vier Metern Höhe auf ein Balkongeländer, dann schlägt er nach weiteren acht Metern auf Asphalt auf. «Zum Glück ist der Rettungsdienst schnell da gewesen, den die Hausbesitzerin gerufen hat.»
Koma und Operationen
Zwei Wochen war der damals 17-Jährige im künstlichen Koma. Sechs Organe mussten operiert und die gespaltene Hüfte stabilisiert werden. In den drei Monaten nach dem Koma sind weitere Operationen dazugekommen. Das gebrochene Genick musste zweimal operiert werden, weil es nicht geheilt war. Langsam dreht Miguel Silva seinen Kopf nach links und nach rechts. Weit kommt er nicht. «Dafür, dass es ein solcher Bruch gewesen ist, kann ich froh sein, dass ich den Kopf überhaupt so bewegen kann», sagt er, den Kopf weiter bewegend.
Er erzählt von weiteren Brüchen, Verletzungen und der Beatmungshilfe auf seiner linken Lunge, die kollabiert ist. Seine rechte Hand fährt über sein rechtes Bein, während er davon berichtet, wie ein Knochenfragment von der Hüfte zentrale Nerven am Bein beschädigt hat. Was ebenfalls herausoperiert werden musste. Das rechte Bein spüre er nicht ganz und er könne es deswegen auch nicht gut kontrollieren.
«Das, was ich jetzt noch am meisten merke, ist der Verlust eines Stückes des Kleinhirns.» Das habe seine Koordination durcheinandergebracht und seine Feinmotorik sei eingeschränkt. «Meine Schrift ist dadurch recht hässlich geworden», sagt er und fügt schmunzelnd an: «Aber vielleicht ist das auch nur eine Ausrede.»
Miguel Silva
Er fährt fort mit der Zeit nach dem Spitalaufenthalt. Während der drei Monate im Rehabilitationszentrum in Davos habe er sich gut gefühlt und überall Hoffnung gesehen. In den darauffolgenden drei Monaten, die er zu Hause verbracht hat, sei alles extrem grau gewesen. «Ich habe gedacht, das ist es jetzt. Das ist mein Leben», erinnert er sich nach dem Aufenthalt in Davos zurück. Das sei auch dann gewesen, als es geheissen habe, dass er wegen der Schmerzen seine Lehre als Schreiner nicht fortsetzen könne. Er ergänzt, dass er damals nicht länger als eine halbe Stunde stehen oder länger als einen Kilometer laufen konnte. «Ich bin deprimiert gewesen und es ist mir so gegangen wie vor dem Unfall.» Vor dem Sturz sei er depressiv gewesen und habe soziale Ängste gehabt. Er erzählt, dass er sich nicht äussern konnte und sich für alles entschuldigt habe. Heute sagt er von sich, dass er gnädiger und entspannter mit sich selbst sei. «Ich bin ein viel besserer Mensch.»
Der Schmerz hält ihn nicht zurück
Von dem Moment an, als Miguel Silva aus dem Koma erwacht ist, wollte er beweisen, dass er es schaffen kann. Dass er in der Lage ist, sich zurückzukämpfen. Von dieser Entschlossenheit ist auch heute noch etwas in seinen Augen vorhanden. Denn Schmerzen habe er noch zu jeder Zeit. Die könne er nicht ausschalten. Was er machen könne, sei sich nicht darauf zu konzentrieren. Der Schmerz sei jedoch immer präsent. «Aber das hält mich nicht zurück.» Im Jahr 2019 begann Miguel Silva eine neue Lehre als Zeichner in Fachrichtung Ingenieur. Das, nachdem er ein Jahr im Kompetenzzentrum für berufliche Wiedereingliederung in der Rehaklinik in Bellikon war. «Ich kann wieder alles machen. Im Winter bin ich auf der Piste und ich klettere regelmässig. Sport mache ich weiter so, wie ich es vorher bereits gemacht habe.»
Dass er es so weit geschafft habe, sei den vielen Leuten zu verdanken, die ihn unterstützt und motiviert haben, ergänzt Miguel Silva. «Ich bin dankbar für all die Unterstützung, die ich bekommen habe», sagt er und erzählt von den guten Ärzten und Therapeuten, die ihm körperlich und psychisch geholfen haben.
Heute sei er ein achtsamer und positiver Mensch. Auch, weil er durch die psychologische Unterstützung seine persönlichen Baustellen habe überwinden können.
Miguel Silva
«Es ist mir bewusst, dass dort alles hätte enden können.» Er überlegt. «Vielleicht bin ich jetzt auch so positiv, weil mir das bewusst ist.»
Nach einer Weile fügt er hinzu: «Ich fühle mich happy.» Und findet, dass er zu dem Menschen geworden ist, den er sein wollte. Er könne nun für Leute da sein, was er früher nicht konnte. Auch vor dem Unfall nicht. Ihm ist es wichtig, dass Leute, die mit ihm reden, sich nachher besser fühlen.
Und was möchte Miguel Silva den Personen, die etwas Ähnliches erlebt haben, mit auf den Weg geben? «Nie daran zweifeln, dass es machbar ist. Immer an sich selbst glauben und grosse Ambitionen haben», antwortet er.