Zum Hauptinhalt springen
Leben & Freizeit

In der SLF-Schatzkammer wurden historische Aufnahmen gefunden

Südostschweiz
09.04.2023, 11:09 Uhr
vor 20 Minuten

Im Rahmen der Digitalisierung des Bildarchivs vom Schweizerischen Institut für Lawinenforschung (SLF) sind ein paar historische Aufnahmen aus den ersten Jahrzehnten der Institutsgeschichte – und der Zeit davor.

Thomas Reich, Mitarbeiter im WSL-Archiv, zieht sich Handschuhe aus Baumwolle über. Vorsichtig greift er eine Glasplatte. Darauf: Ein Negativ aus dem Jahr 1913, das Studierende von der Universität Tübingen sowie Professoren vor einem Gebäude zeigt. Reich reinigt die Platte, fotografiert das Negativ und bearbeitet das Bild nach. Für diese Arbeit hat die WSL ihren Luftschutzraum in ein kleines Fotostudio umfunktioniert, schreibt die SLF in einer Mitteilung.

Das Bild ist eines von Tausenden. Im Januar habe Reich und seine Kollegin Zeljka Vulovic kistenweise Material aus den Räumen des SLF in Davos geholt und an ihre Arbeitsstätte an der WSL gebracht. Sie wollen die historischen Aufnahmen digitalisieren, sodass die Bilder erhalten bleiben.

«Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit», sagt Vulovic gegenüber SLF in der Mitteilung. Denn ein Negativ habe eine Lebenserwartung von rund siebzig Jahren, und viele seien bereits älter. Zumal die beiden Institute nicht über optimal kühle und trockene Lagerräume verfügen. «Damit könnten wir den Zerfall verlangsamen, aber so droht schon bald ein Wissensverlust», mahnt Vulovic.

Wie bei den übel riechenden Kisten, auf die sie im Keller der WSL in Birmensdorf gestossen waren. Darin fanden sie Luftaufnahmen von Gletschern aus den späten 1950er-Jahren, bei denen der Prozess der Zersetzung schon begonnen habe. Um zu retten, was zu retten ist, gingen diese Aufnahmen an die Glaziologen und das Bildarchiv der ETH Zürich.

Von Davos nach Birmensdorf sind vorerst zwei Sammlungen gekommen. Zum einen die erste Sammlung des SLF mit Bildern aus den 1930er-Jahren bis in die 1950er, darunter zahlreiche Aufnahmen aus der Zeit vor 1942, dem Gründungsjahr des Instituts. «Die Sammlung ist im Laufe der Jahrzehnte echt durcheinandergebracht worden», klage Vulovic. Auf tausenden Karteikarten stehe, was auf den Bildern zu sehen sei. Die dazugehörigen Originalbilder zu finden, erfordert Detailarbeit, heisst es. Manche liegen verstreut in Schachteln, andere würden nicht zur Beschreibung auf der Karte passen. Die Motive reichen von wichtigen Personen über die Arbeit im Institut und im Feld bis hin zu Lawinenabgängen. Vulovic und zwei studentische Hilfskräfte kontrollieren Karte für Karte und Bild für Bild, was zusammengehört, ob die Beschriftungen korrekt sind und erfassen sie in einem Register. «Wir schaffen so dreissig bis fünfzig Karten am Tag», sagt Vulovic. Ein externes Unternehmen digitalisiert die Aufnahmen.

Der zweite Teil der SLF-Sammlung stammt von Ernst Eugster, einem Pionier von Schneestudien im Oberwallis und in Graubünden, der bereits in den 1930er-Jahren seine Arbeit fotografisch dokumentiert hat. Mehr als tausend Bilder hat er dem SLF vermacht. Kulturhistorikerinnen und Kulturhistoriker können die Aufnahmen für ihre Arbeit nutzen, da sie nicht nur Landschaft, sondern auch Menschen bei der Arbeit und in der damals üblichen Kleidung zeigen. Auf der Rückseite der Bilder hat Eugster jeweils notiert, was darauf zu sehen ist. «Aber seine Handschrift ist nicht einfach zu lesen», sagt Vulovic. Oft müsse das Team recherchieren, was er gemeint hat.

Und diese beiden Sammlungen seien erst der Anfang. Gemäss dem SLF ruhen im Keller noch weitere Bestände, sowohl Fotografien als auch Filme. Vulovic gehe von mehr als hunderttausend Bildern aus. Ziel ist, die Fotografien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die lernt dann unter anderem, dass Menschen sich auch vor bald hundert Jahren bei Bergtouren zwar angeseilt haben – aber nicht in Funktionskleidung, sondern mit Anzug und Hut. (red)

Die Digitalisierung in Bildern

Wie die Digitalisierung abläuft, ist in folgenden Bildern zu sehen: