Die Nachtschwärmer von Fläsch
Von Tobias Soraperra
Fläsch, an einem schwül-warmen Tag im Juni. Eine heftige Gewitterfront ist soeben über den Ort gezogen. Vor dem Kirchturm der Gemeinde ist es noch ruhig, wie eigentlich im ganzen Dorf. Dennoch ist der Kirchturm in Fläsch kein gewöhnlicher, beherbergt er doch die grösste Fledermauskolonie in der ganzen Schweiz. Etwa 1000 Exemplare Mausohrfledermäuse leben in den oberen Etagen des Turms. Noch ist davon aber nichts zu spüren. Kein Wunder, sind Fledermäuse doch nachtaktive Tiere und verlassen ihr Nest erst nach Sonnenuntergang.
Sechs bis acht Wochen bei der Mutter
Vor Ort begrüssen Ladina Thomasin und ihr Mann Peter Kühne. Seit über 20 Jahren betreut das Ehepaar die Fledermauskolonie im Fläscher Kirchturm, in der nun im Juni Hochbetrieb herrscht. Es ist die Zeit, in der die Weibchen ihre Jungen zur Welt bringen. «Dafür kommen sie stets an den Geburtsort zurück», erklärt Ladina Thomasin und erzählt weitere Fakten rund um das Thema Fledermäuse. So hiesse der Ort, an dem Fledermäuse ihre Jungen zur Welt bringen, Wochenstube – in Anlehnung an das Wochenbett bei den Menschen. Sobald die jungen Fledermäuse gut genug fliegen können, dürften sie ihre Mutter auf die Jagd begleiten. Sechs bis acht Wochen bleiben die Kleinen nach der Geburt bei der Mutter.
Weil alle weiblichen Fledermäuse für die Austragung ihres Nachwuchses in ihre jeweilige Wochenstube zurückkehren, ist dies auch der optimale Zeitpunkt, um den Bestand zu zählen. Dies geschehe idealerweise zweimal im Juni sowie je einmal im Juli und August. Neben der genauen Überprüfung des Bestandes gehöre unter anderem die Instandhaltung der Wochenstube zu den Hauptaufgaben der Betreuerin und des Betreuers. Zudem wird auch die Verhaltensweise der Tiere genauer unter die Lupe genommen. Dafür sind in der Wochenstube vier Kameras eingebaut, wobei eine nicht mehr funktioniere, wie Peter Kühne ausführt und auf die Aussenkamera vor der Kirche zeigt. Er kümmere sich vor allem um die technischen Dinge bei der Betreuung der Fledermäuse.
Zufrieden mit dem Bestand
Ungefähr eine Viertelstunde später zieht im Dorf Fläsch die nächste Gewitterfront auf. Der Regen wird stärker, es blitzt und donnert. Das Gespräch wird deshalb in einen Unterschlupf beim Seiteneingang der Kirche verlegt. Nachdem ein trockenes Plätzchen gefunden wurde, erzählt das Ehepaar weiter von seiner Arbeit für die Fledermauskolonie und deren Anfängen.
Mit der Entwicklung der Kolonie und dem Fledermausbestand sind die beiden zufrieden. «Dieser ist in den letzten Jahren sehr stabil geblieben», so Ladina Thomasin. Allerdings gebe es durchaus auch Vermischungen mit benachbarten Fledermauskolonien, wie Jörg Kühne ergänzt. So zum Beispiel mit jener im liechtensteinischen Balzers. Daher sei der Austausch mit den Verantwortlichen jener Kolonien auch sehr wichtig, da man sonst keinen exakten Überblick über den Bestand habe.
Kurze Nächte
Fledermäuse sind nachtaktive Tiere. Tagsüber schlafen sie im Kirchturm und gehen erst bei Anbruch der Dämmerung auf die Jagd. Es ist somit also aktuell die herausforderndste Zeit für die Fledermäuse. Denn die Nächte sind kurz und die Fledermäuse haben weniger Jagdzeit. In dieser heisst es, möglichst viel Nahrung aufzunehmen. Schliesslich müssen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Neugeborenen versorgen. «Im Herbst merkt man an ihrem Verhalten, dass sie sich mehr Zeit lassen», erklärt Jörg Kühne. Zur Orientierung in der Dunkelheit besitzen die Tiere sehr gute Augen. Hauptsächlich dient den Fledermäusen aber die Echoortung, um sich zu orientieren. Dabei stossen sie Ultraschallwellen aus, die von Objekten zurückgeworfen werden. Daher brauchen die Tiere für die Jagd eine Landschaftsstruktur mit vielen Objekten, wie zum Beispiel Wälder. Offene Felder und Wiesen seien dagegen weniger ideal. Ladina Thomasin ergänzt: «Ein weiteres Hindernis ist zudem die Lichtverschmutzung.» Dies könne die Tiere irritieren, gerade wenn es direkt in die Wochenstube leuchte. Dann würden sie diese nicht verlassen und somit wertvolle Zeit bei der Jagd verlieren. Deswegen sind die beiden auch froh, dass die Gemeinde Fläsch vor ein paar Jahren beschlossen hat, die Strassenbeleuchtung auf rund einen Zehntel im Vergleich zu herkömmlichen Strassenlaternen zu reduzieren. «Von 22 bis 4 Uhr morgens sind sie sogar ganz ausgeschaltet», so Ladina Thomasin.
– Ladina Thomasin
Die Wintermonate verbringen die Fledermäuse an einem anderen Ort. Wo genau, das wissen aber auch Ladina Thomasin und Peter Kühne nicht. «Und wenn schon, würden wir es nicht verraten», so Peter Kühne. Schliesslich soll verhindert werden, dass die Fledermäuse durch Schaulustige in ihrem Winterschlaf gestört werden. Die Tiere hätten einen Puls von 1200 Schlägen pro Minute. «Ein Erwachen im Winter benötigt so viel Energie wie elf Tage schlafen», so Ladina Thomasin. Die Tatsache, dass Fledermäuse nachtaktiv sind, kommt auch den Betreuenden der Kolonie sehr entgegen. Sie seien schliesslich auch beide eher Nachtmenschen und würden gerne etwas später zu Bett gehen und dafür auch etwas später aufstehen, wie sie unisono betonen. Ganz im Gegensatz zu den Vogelkundlern, die oft in den frühen Morgenstunden unterwegs sein müssten, um ihre Tiere zu beobachten.
Die erste Fledermaus fliegt aus
Um kurz vor 22 Uhr hat sich die Gewitterfront längst verzogen. Noch leichter Regen. Dunkelheit setzt langsam ein. Vor dem Kirchturm platziert, heisst es warten, bis die ersten Fledermäuse ausfliegen. Ein Blick durch eine der installierten Kameras zeigt: Noch ist nicht allzu viel Betrieb in der Wochenstube. Das Wetter ist nicht optimal für die Tiere, mögen sie Regen doch nicht besonders. Doch plötzlich ist es so weit. Die erste Fledermaus fliegt aus der Wochenstube und begibt sich auf die Jagd. Nach und nach folgen weitere Artgenossen. In der Dunkelheit und bei dem diskreten Licht in Fläsch sowie der hohen Fluggeschwindigkeit sind die Tiere mit blossem Auge fast nicht zu erkennen.
Nach etwa zehn Minuten haben rund ein Dutzend Tiere den Unterschlupf verlassen. Die ersten sind bereits das erste Mal zurückgekehrt. Bis zum Sonnenaufgang werden sie fleissig Nahrung beschaffen, um sich und ihre Jungen versorgen zu können. Auch für die beiden Betreuenden heisst es nun weiterziehen. Schliesslich sind Menschen, im Gegensatz zu Fledermäusen, typischerweise nicht nachtaktiv, sodass irgendwann verständlicherweise die Müdigkeit Einzug hält. So verabschiedet man sich zu später Stunde im Dunkeln voneinander. Während der Tag für die Fledermäuse mit dem Einzug der Dunkelheit erst beginnt, heisst es für die Spezies Mensch nun: gute Nacht!