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Leben & Freizeit

Der Brand von Glarus von 1861 und die Landsgemeinde von 1931 in Farbe

Südostschweiz
06.05.2023, 04:30 Uhr
gestern um 16:30 Uhr

von Jarryd Lowder

Seit den Anfängen der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es die Nachkolorierung von Fotos. Damals trugen Künstler mit Pinseln Pigmente auf die Oberfläche eines fotografischen Abzugs auf Papier auf. Heute kann einem Bild mit digitaler Handmalerei und anderen Techniken auf einem Computerbildschirm Farbe hinzugefügt werden. Durch das Einbringen von Farbe in Fotografien, die bisher nur in Schwarz-Weiss zu sehen waren, können wir uns die Welt so vorstellen, wie sie vor mehr als 150 Jahren war. Was den kulturellen und technologischen Wandel angeht, scheint dies weit in der Vergangenheit zu liegen, und doch ist es nur ein Augenblick in der Geschichte der Menschheit.

Fotograf eilt nach Glarus

Joseph Broglie war ein Fotograf aus Huningue, nördlich von Basel, wo sich die Grenzen zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz am Rhein kreuzen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitete er in Luzern und Bern und reiste auch beruflich durch die Schweiz und Deutschland. Bis 1856 hatte er in Zürich ein Fotoatelier eingerichtet. Als sich die Nachricht vom Brand von Glarus in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1861 im In- und Ausland verbreitete, war er einer der wenigen Fotografen, die an den Ort des Geschehens eilten und einen Tag nach dem Ende des Brandes eintrafen. Von verschiedenen Standpunkten und Winkeln aus nahm er inmitten der Ruinen eine Reihe von stereoskopischen Aufnahmen auf.

Wie in meinem Buch «Stereographic Switzerland» beschrieben, wurden diese Fotos mit einer Kamera aufgenommen, die zwei Objektive enthielt, die nebeneinander im gleichen Abstand wie die menschlichen Augen angeordnet waren. Auf einem einzigen Glasplattennegativ wird ein separates Bild für das linke und das rechte Auge belichtet, wobei sich jedes Bild in seiner Parallaxe leicht unterscheidet. Wenn eine Stereokarte mit einem Stereoskop betrachtet wird, entsteht ein lebendiger 3-D-Eindruck. Die eindrucksvollsten Stereografien können ein unheimliches Gefühl von Zeitreise vermitteln, weil sie die physische Tiefe der Personen, Gegenstände und der Landschaft überzeugend darstellen.

Schaurig-schöne Komposition

Nachdem er seine schwere Fotoausrüstung auf den Tschudirain-Hügel in der Nähe des Zentrums der zerstörten Altstadt geschleppt hatte, blickte Broglie nach Norden, wo sich ihm eine schaurig-schöne Komposition bot. Er stand auf dem Tschudirain, etwa auf der Höhe des Ziffernblatts des ehemaligen Kirchturms der Pfarrkirche, und fotografierte die Überreste der Stadt im Rahmen der Landschaft.

Wenn wir das neue nachkolorierte Halb-Stereo-Bild betrachten, können wir einen bescheidenen Eindruck davon gewinnen, wie die Szene für ihn ausgesehen haben muss. Dieser besondere Blickwinkel auf Glarus ist nicht mehr möglich, da der Tschudirain bekanntlich dem neuen Stadtplan gemäss geebnet wurde. Sein Geschwisterchen, der Iselirain, steht aber noch.

Ein neues Medium

Das zweite, und ziemlich einzigartige Foto, das für die Nachkolorierung ausgewählt wurde, ist 1931 an der Landesgemeinde entstanden. Ein ganzes Leben nach dem Brand von Glarus. Es zeigt den Einsatz eines damals neueren fotografischen Bildmediums: dem bewegten Bild. Schaulustige umringen den Produktionswagen des Ciné-Journal Suisse, auf dem der Kameramann steht, um sein Objektiv auf das Geschehen im Ring zu richten.

Die ersten Nachrichten des Ciné-Journal Suisse wurden 1923 ausgestrahlt und waren zunächst zweimal pro Monat, später einmal pro Woche, in Kinos und Wanderkinos zu sehen. Das Ciné-Journal Suisse verwendete zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Fotos der Landsgemeinde seit weniger als einem Jahr den synchronisierten Ton, und der Schriftzug «sonore et parlant» ist an der Seite des Wagens zu sehen.

Von historischem Wert

Der Fotograf dieser Szene war Rudolph Zinggeler aus Wädenswil, der zwischen 1890 und 1936 wiederholt durch Glarus, Graubünden, das Tessin und das Wallis gereist war. Seine Fotos dokumentierten den Alltag der Landbevölkerung und sind von grossem volkskundlichen und historischen Wert.

Ein weiteres interessantes Detail aus Zinggelers Landesgemeinde-Foto von 1931: Obwohl der Vordergrund ziemlich unscharf ist, sehen wir einen Jungen und ein Mädchen, vielleicht Geschwister, stehen. Man kann nur hoffen, dass sie als erwachsene Frau dabei war, als 40 Jahre später, im Jahr 1972, die Frauen endlich das volle Wahlrecht erhielten.

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