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Leben und Freizeit

Der Wirrwarr mit dem Bündner Geld

Bündner Woche
09.12.2022, 14:00 Uhr
heute um 12:16 Uhr

von Susanne Turra

Nanu. Ist in Chur etwa der Bluzger wieder im Umlauf? Diese uralte typische Münze aus Graubünden? Darob mögen sich gar alteingesessene Churerinnen und Churer die Augen reiben. Zu Recht. Denn eigentlich wurde der Bluzger ja schon vor rund 150 Jahren vom Schweizer Franken abgelöst. Was heute am Christkindlimarkt wieder als Zahlungsmittel auftaucht, ist lediglich aus einer Aktion der Stadt Chur entstanden. Ein Geschenk an die einheimische Bevölkerung. In der Tat hat dieser Bluzger wenig mit der damaligen Münze zu tun. Was die Prägung anbelangt. Und was den Wert betrifft, erst recht. Trotzdem. Der Adventsbluzger lässt die längst vergangene Münzvielfalt der Stadt wieder aufleben. Mehr noch. Des ganzen Kantons. Und überhaupt. Der ganzen Schweiz. Grund genug, Yves Mühlemann in der Neumühle in Chur zu besuchen.

Zu tief war sein Wert

Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Rätischen Museums beschäftigt sich am liebsten mit dem Geld und seiner Geschichte. Er ist Numismatiker. Ein Münzkundler. «Mit dem Bluzger vom Christkindlimarkt kann ich immerhin ein Brot kaufen», betont Yves Mühlemann gleich zu Beginn und lacht. «Mit dem damaligen Bluzger konnte man das nicht.» Zu tief war sein Wert. Ein paar Rappen nur. Da hat der Adventsbluzger mit fünf Franken Gegenwert die Nase vorn. Die Münzen hatten damals lediglich den Wert ihres Materials. Der Metallzusammensetzung. Einer Kupfer-Silber-Legierung. Auch Billon genannt. «Der Bluzger war nicht schlecht», so der Numismatiker. «Er war halt Kleingeld. Gut genug für den Lokalbedarf.» Und schon sind wir mitten in der Geschichte. Dazu gleich eine kleine Anekdote. Hinter vorgehaltener Hand ist es ja immer wieder zu hören. Die Haldensteiner hätten damals Geld gefälscht. Yves Mühlemann winkt ab. «Die Haldensteiner haben schlechtes Geld hergestellt», korrigiert er. «Jede einzelne Münze muss ein gewisses Gewicht haben und einen gewissen Feingehalt. Also genug Silber und nicht zu viel Kupfer. Die Haldensteiner sind nun also hingegangen und haben horrende Mengen an Münzen hergestellt, bei denen sie diesbezüglich ein bisschen gemogelt haben. Und dann haben sie das Geld unter anderem in Süddeutschland umgetauscht. Und so ihre Kasse gefüllt.»

10'000 Münzen pro Tag

Und wie war das denn nun genau mit dem Bluzger? «Wir hatten hier in Graubünden eine Vielfalt von Prägeherren, wie nirgends sonst in der Schweiz», erklärt der Münzkundler. Er muss ein bisschen ausholen. Bischof. Stadt Chur. Gotteshausbund. Bistum Chur. Sie alle haben geprägt. Und noch einige Prägeherren mehr. Der Bischof ist der Erste. Damals. Er bekommt im Jahre 958 das Münzrecht. «Man konnte nicht einfach darauflos prägen», erklärt Yves Mühlemann. «Erst musste man vom Kaiser oder König das Münzrecht bekommen.» Der Bischof von Chur bekommt es. Anfänglich wird in der bischöflichen Residenz auf dem Hof nur selten gemünzt. Anfänglich werden Denare geprägt. Später sind es andere Münzsorten. Hauptsächlich Pfennige. Und vor allem Kleingeld. Und in einer nächsten Etappe werden grosse Gold- und Silbermünzen geprägt. Dukaten und Taler. Der erste bekannte Bluzger erscheint unter Bischof Paul Ziegler von Ziegelberg. Und zwar zwischen 1503–1541. Im Laufe der Zeit werden davon grössere Mengen produziert. Dann, im Jahre 1529, geht das Münzrecht auch an die Stadt Chur. Und ab 1637 nutzen die Stadt und das Bistum Chur, trotz Glaubensstreitigkeiten, dieselbe Prägestätte. Die Münzmühle auf dem Sand-Areal am Mühlbach. Die darin eingerichtete Prägestätte wird mit einem Wasserrad betrieben. So können über 10'000 Münzen pro Tag hergestellt werden. Dennoch. Die Münzstätte wird nicht immer benutzt. Manchmal wird Geld geprägt. Und manchmal nicht. Nicht selten wird jahrelang nichts produziert. Das ist damals einfach so. Im Gegensatz zu heute.

 

Wie auch immer. Die letzten Bluzger werden im 1766 hergestellt. Die Prägetätigkeit in der Münzmühle ist bis 1767 belegt. Danach versuchen das Bistum und die Stadt vergebens, die Münzmühle zu verpachten. Aus jenen Tagen sind heute nur noch wenige bauliche Strukturen erhalten. Und das Geld? Im 1803 wird der Kanton Graubünden gegründet. Er bekommt das Münzrecht. Daraufhin prägt er den Neubluzger. Zwischen 1807–1842. Die Münzen haben einen Wert von einem Sechstel Batzen. Und sie werden nicht mehr in Chur geprägt. Sondern in verschiedenen Münzstätten in der Schweiz. Die Geschichte geht weiter. Im 1848 geht das Münzrecht an den Bund. Im 1850 wird der erste Schweizer Franken geprägt. «Bis es so weit ist, herrscht ein grosses Durcheinander. Ein regelrechter Wirrwarr», so der Numismatiker. «Um 1800 sind in der Schweiz rund 800 verschiedene Geldsorten im Umlauf.» Und mit der Einführung des Frankens werden die alten Münzsorten einfach eingesammelt und eingeschmolzen. Darunter auch der Bluzger.

Was für ein Chaos

Trotzdem. Der Bluzger bleibt noch bis in die 1840er-Jahre im Umlauf. Und das gleich massenweise. Man redet von über einer Million Münzen. «Das schlechte Geld war immer noch im Umlauf», bestätigt Yves Mühlemann und lacht. «Was für ein Chaos.» Und heute? Mit rund 5000 Exemplaren beherbergt das Rätische Museum mittlerweile die grösste Sammlung an Bündner Münzen. «Vor 150 Jahren wollten wir eine Weltsammlung aufstellen», erzählt der wissenschaftliche Mitarbeiter. «Heute beschränken und konzentrieren wir uns auf Graubünden.» Und Yves Mühlemann bleibt am Ball. Oder am Münz. Er schaut immer mal wieder die Auktionen durch. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Jahrgang doch noch finden. Wer weiss. Der Numismatiker bleibt aufmerksam. Übrigens wird der Name der Münze  in den frühen Jahren noch mit «tz» geschrieben. Blutzger. Später dann nur noch mit «z». Bluzger. «Fragen Sie mich aber bitte jetzt nicht, woher der Name kommt», schliesst Yves Mühlemann. Wir tun es nicht.

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