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Leben & Freizeit

«Davos weiss mehr»: Der erste Streich

Barbara Gassler
05.02.2022, 17:37 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Drei Forschende am AO-Forschungsinstitut (ARI) stellten sich drei Fragen: Was sind Tierversuche, welche Alternativen gibt es, und wo sind die Grenzen? Der ersten Frage widmete sich Stephan Zeiter, Tierarzt und Programm-Manager Präklinische Dienste am ARI. Tierversuche seien gemäss dem schweizerischen Gesetz alle Massnahmen, bei denen lebende Tiere verwendet würden, um wissenschaftliche Fragen zu klären. Dabei wäge der Gesetzgeber zwischen dem Nutzen für den Menschen und der Belastung für das Tier ab. Entsprechend seien sie in verschiedene Kategorien eingeteilt, und es brauche in jedem Fall eine Bewilligung zur Durchführung des Versuchs, erklärte Zeiter. Die Belastungen werden dabei in die Stufen 0 bis 3 eingeteilt. Zur Gruppe 0 gehören reine Beobachtungsstudien, wie zum Beispiel das Besendern von Tannenhähern, um ihren Einfluss auf die Verbreitung von Arven zu erforschen. In die Belastungsgruppe 1 gehören Massnahmen wie das Abnehmen von Blut, bei 2 werden Tiere bereits in Narkose gelegt und operiert, und bei der 3. und höchsten Belastungsstufe werden zum Beispiel Transplantationen vorgenommen. «Zwei Drittel der in der Schweiz vorgenommenen Tierversuche gehören dabei in die Kategorien 0 und 1». Vor zwanzig Jahren wären noch siebzig bis achtzig Prozent ihrer Versuche mit Tieren gewesen. Jetzt seien es lediglich noch zwanzig bis dreissig, berichtete Zeiter weiter. Um die Zahl der Tierversuche weiter zu reduzieren, werde in der Forschung nach dem 3-R-Prinzip vorgegangen, «Das bedeutet Replace (Ersetzen), Reduce (Verringern) und Refine (Verbessern).»

Alternativen mit Limiten

Der Frage, was die Alternativen können, nahm sich Sibylle Grad, Principal Scientist am ARI an. Gewisse Antworten würden sie im Zellversuch erhalten, sagte sie. «Wenn es aber um den Einfluss auf den ganzen Körper geht, sind wir noch immer auf Tierversuche angewiesen.» Jedoch seien die Laborversuche schon recht komplex und kämen nahe an die Tierversuche heran. Ein limitierender Faktor sei dabei, dass mit Zellkulturen meistens nur im eindimensionalen Bereich gearbeitet werden könne. Die Wechselwirkung zwischen Knochen und Knorpel sei zum Beispiel so ein Gebiet. Daher hätten sie am ARI einen Bioreaktor entwickelt, der den Versuch um den vorher fehlenden Belastungfaktor ergänzen könne. «Resultate aus diesen Experimenten können wir inzwischen auf den Organismus übertragen, weil wir genau wissen, welche Belastung für die Zelle gut ist.» Der nächste am ARI angestrebte Schritt sei nun die Entwicklung eines Versuchsaufbaus mit zusätzlich Gelenkflüssigkeit und Immunzellen, der eine Gelenkkapsel imitieren würde.

Aus der Praxis

Daniel Arens, Senior Project Leader am ARI, erklärte anschliessend, wie die Zahl der Tiere verringert werden soll. Zum Beispiel werde bei Operationen  mit Schablonen gearbeitet, die jeden Eingriff vergleichbar machten. «Dadurch haben wir weniger Ausfälle und Wiederholungen.» Ausserdem würden pro Tier mehr Versuche vorgenommen. «Dank moderner bildgebender Verfahren kann der Heilungsfortschritt ausserdem laufend dokumentiert werden. Früher musste dafür jedes Mal ein Tier getötet und obduziert werden.» Zum Thema «verfeinern» berichtete er, dass am ARI zum Beispiel darauf geachtet werde, bei den Schafen den sozialen Stress durch die Haltung in Gruppen zu vermindern. Ausserdem würde den Tieren reichlich Eingewöhnungszeit im Versuchsstall zugestanden. Eingriffe würden selbstverständlich unter Narkose durchgeführt, und die tierischen Patienten erhielten eine Schmerztherapie genau wie Menschen, erzählte Arens aus der Praxis.

Fragestunde

Dann war für die Teilnehmenden Zeit, noch offene Fragen zu klären. Eine bezog sich auf den Contergan-Skandal der frühen 1960er-Jahre. Dabei verursachte das gegen Schwangerschaftsübelkeit verabreichte Medikament Contergan schwere Schädigungen an ungeborenen Kindern, obwohl es eigentlich als besonders sicher galt. Gegner von Tierversuchen führen das gerne ins Feld, um nachzuweisen, dass diese nutzlos sind. Das Gegenteil sei der Fall, beschied Zeiter. «Das Mittel wurde nämlich nie an trächtigen Tieren getestet. Als man das nachholte, sah man genau die gleichen Missbildungen auch im Tierversuch».

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