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Leben und Freizeit

Das Verschwinden der Dunkelheit

Was Lichtverschmutzung mit Mensch, Tier und Umwelt macht.
Bündner Woche
29.06.2022, 15:00 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Von Laura Natter

Es ist Nacht. Dunkel. Zumindest so dunkel, wie es in einer Quartierstrasse mit Strassen- und Gartenbeleuchtungen eben ist. Ein Scheinwerfer wirft helles Licht auf eine Einfahrt. Falter umkreisen es. Sie kreisen und kreisen und kreisen.

Es ist kein ungewöhnliches Bild. Jenes der Insekten, die in der Nacht um eine Lichtquelle schwirren. Licht ist allgegenwärtig. Es macht die Nacht zum Tag, oder zumindest die Nacht weniger dunkel. Licht gibt Sicherheit. Licht zeigt, was da ist.

Licht zerstört aber auch. Künstliches Licht in der Nacht verursacht Probleme. Es beeinflusst unser Ökosystem und uns Menschen. Lichtverschmutzung ist eine anerkannte Form der Umweltverschmutzung, da unser Umgang mit künstlichem Licht (negative) Auswirkungen auf alles Leben haben kann.

Als Lichtverschmutzung werden die künstliche Aufhellung des Nachthimmels und die störenden Auswirkungen auf Mensch und Natur bezeichnet. Natürlich ist nicht jede Lichtquelle, die in der Nacht leuchtet, verschmutzend. Als eine Belastung werden jene Beleuchtungen verstanden, die Licht nach oben oder seitlich abstrahlen, die permanent leuchten und kaltes Licht ausstrahlen. Das sind zum Beispiel Strassenlaternen, die keinen konzentrierten Lichtkegel auf die Strasse werfen, sondern die ganze Umgebung ausleuchten. Oder Lichtreklamen, die in die Nacht hinaus strahlen.

Der Scheinwerfer leuchtet noch immer. Die Falter kreisen noch immer.

Das Be- und Ausleuchten von Plätzen, Strassen, Parks, Gärten und Wegen wirkt sich auf Flora und Fauna aus. Schätzungen zufolge sterben in der Schweiz in jeder Sommernacht rund zehn Millionen nachtaktive Insekten wegen Aussenbeleuchtungen. Insekten, die sich am Licht des Mondes und der Sterne orientieren, sind irritiert ob dem künstlichen Licht, werden davon angezogen und schwirren um das Licht bis zum Erschöpfungstod. Der Rückgang an nachtaktiven Insekten hat wiederum Einfluss auf die Pflanzenwelt. Die Hälfte aller Insektenarten ist nachtaktiv und ein grosser Teil davon fungiert als Bestäuber. Reduziert sich der Bestand an Bestäubern, reduziert sich auch der Bestand an Pflanzen. Jedoch haben Lichtemissionen nicht nur einen indirekten Einfluss auf das Dasein von Pflanzen. Die Schweizer Ökologin Eva Knop konnte 2017 zusammen mit einem Team feststellen, dass Pflanzen, die in der Nacht künstlichem Licht ausgesetzt sind, von 64 Prozent weniger Bestäubern besucht werden. Und am Tag immerhin von 20 Prozent weniger. Die Gründe für letzteres Phänomen sind noch nicht vollständig geklärt. Möglicherweise wird der Zeitplan der Pflanze, der sich an der Tageslänge orientiert, durch das Kunstlicht beeinflusst. Das heisst, Pflanzen senden zu anderen Zeiten Duft- und Lockstoffe aus, welche die nötigen Bestäuber nicht erreichen. Dafür aber möglicherweise Schädlinge.

Die Nacht liegt über der Nordhalbkugel. Dunkel ist es nicht. Die Kontinente leuchten, ihr Licht strahlt weit, weit hinauf in den Himmel.

Licht ist ein ständiger Begleiter. Vor allem in Industrienationen. Komplette Dunkelheit ist rar. In der Schweiz ist noch ungefähr auf 20 Prozent der Fläche Nachtdunkelheit zu finden. Von den restlichen Flächen strahlt Licht gen Himmel. Mit Einfluss auf die Vogelwelt. In der Nacht ziehende Vögel orientieren sich nicht nur am Magnetfeld der Erde, sondern auch an Sonne, Mond und Sterne. An Lichtpunkten. Bei Nebel halten sich die Vögel an den hellsten Punkt, eigentlich den Mond, um nicht gegen den Boden zu fliegen. Hell leuchtende Städte ziehen jedoch stärker an als der Mond und sorgen für Orientierungslosigkeit. Manche Vögel fallen vor Erschöpfung vom Himmel oder fliegen solange auf Lichter und Leuchten zu, bis sie mit ihnen kollidieren.

Sie liegt im Bett und starrt an die Decke. Das Licht der Strassenlaterne dringt durch die Jalousien. Sie kann nicht schlafen. Unter ihrem Zimmerfenster geht eine Frau hindurch. Sie ist auf dem Heimweg. Gut, ist der Weg beleuchtet, denkt sie sich.

Licht in der Nacht beeinflusst nicht nur Insekten, Pflanzen und Vögel, es hat auch Einfluss auf den Menschen. Licht ist unabdingbar für unser Wohlbefinden und unser Sicherheitsempfinden. Ein gut beleuchteter Gehweg erscheint uns sicherer als die dunkle Gasse. Licht im Dunkeln gibt uns das Gefühl von Kontrolle, hilft, uns orientieren und Gefahren erkennen zu können. Doch ebendiese Beleuchtung wird dann zum Problem, wenn sie permanent ist und von aussen in Wohn- und Schlafräume dringt oder anderweitig stört. Schlafstörungen sind die am häufigsten genannte Störwirkung von Lichteinfluss, berichtet das Bundesamt für Umwelt (BAFU). Gelbes oder weisses Licht wird dabei als weniger störend empfunden als grünes, rotes, blaues oder blinkendes Licht. Licht mit hohem Blauanteil scheint dabei einen besonders starken Einfluss auf unseren Schlaf-Wach-Rhythmus zu haben, sprich blaues Licht stört den Schlaf.

Gegen Lichtverschmutzung können einfache Massnahmen ergriffen werden. Das BAFU hat dafür einen 7-Punkte-Plan aufgestellt, mit Grundsätzen zur Eindämmung von Lichtemissionen. Grundsätzlich stellt sich immer die Frage der Notwendigkeit. Ist eine Beleuchtung wirklich nötig? Wenn ja, wie hell muss sie sein? Ist das Lichtspektrum richtig gewählt? Und wurde die Beleuchtung passend platziert? Wer sich an einfache Grundsätze hält, trägt zu weniger Lichtemission bei – und leistet damit einen bedeutenden Beitrag für Insekten, Pflanzen, Vögel und sich selbst.

Lichtemissionen vermeiden

In der Schweiz besteht die SIA Norm 491, die als Grundlage für einen haushälterischen Umgang mit Licht und zur Eindämmung von Lichtemissionen dient. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat zudem einen 7-Punkte-Plan zur Begrenzung von Lichtemissionen aufgestellt:

1. Notwendigkeit: Braucht es eine Beleuchtung? Hier gilt: Nur beleuchten, was beleuchtet werden muss und bereits bestehende Beleuchtungen bei der Planung miteinbeziehen.

2. Intensität / Helligkeit: Wie hell muss die Beleuchtung sein? Man sollte nur so hell beleuchten, wie nötig und die Umgebungshelligkeit miteinbeziehen.

3. Lichtspektrum / Lichtfarbe: Ist das Lichtspektrum richtig gewählt? Es soll auf den Beleuchtungszweck und die Umgebung abgestimmt werden. Wenn immer möglich sollten warmweise LEDs (unter 3000 Kelvin) eingesetzt werden.

4. Auswahl und Platzierung der Leuchten: Ist der passende Leuchtentyp gewählt geeignet platziert? Die Beleuchtung soll möglichst präzise und ohne unnötige Abstrahlung passieren.

5. Ausrichtung: Sind die Leuchten optimal ausgerichtet? Grundsätzlich soll die Beleuchtung von oben nach unten scheinen. Die Leuchten sollen bei der Montage zudem präzise ausgerichtet werden.

6. Zeitmanagement / Steuerung: Wann braucht es welche Beleuchtung? Diese sollte den Tages- und Nachtzeiten angepasst und nach Jahreszeit gesteuert werden. Das licht sollte zudem nur dann eingeschaltet werden, wenn es auch tatsächlich benötigt wird. Eine permanente Beleuchtung ist in vielen Fällen nicht nötig.

7. Abschirmungen: Sind Abschirmungen vorzusehen? Zusätzliche Abschirmungen in spezifischen Problemfällen helfen gegen Lichtemissionen. Dies betrifft zum Beispiel Wildtierpassagen in der Nähe von Strassen. Dort sollen zusätzliche Abschirmungen angebracht werden, damit die Tiere nicht von den Scheinwerfern der Autos geblendet werden.