Das Ski-Baby
In den nächsten Ausgaben werden an dieser Stelle «Kleine Parsenngeschichten» veröffentlicht. Diese stammen aus dem gleichnamigen Buch von Albert Jenny, das 1952 im Verlag Buchdruckerei Davos AG erschien.
Sie war ein entzückendes, schlank und rank gewachsenes Mädchen von 14 Jahren mit wilden, schwarzen Locken, glut-vollen Augen und gesunden, roten Backen. Ein sozusagen total unlackiertes, natürliches Geschöpfchen, an dem man seine helle Freude haben konnte.
Zum ersten Mal in ihrem kurzen Leben war sie nun mit ihrer Mutter da, in dieser weissen, winterlichen Sonnenpracht des Prättigauertals, und überschäumte nun begreiflicherweise fast vor lauter Übermut und Lebensfreude. Ich hatte dieser Tage zufällig in der Hotelhalle mal ein paar Worte mit ihr gesprochen – so im Vorbeigehen und weil mir dieses lebendige, kleine Ding so gut gefiel – und nun quälte sie mich dauernd, dass ich ihr «Lehrer» sein sollte. Sie meinte natürlich «Ski-Lehrer», das wirst Du, lieber Ski-Kamerad, Dir ja wohl denken können, nicht? Also, was sollte ich tun, als ihr gewissermassen zu Willen sein, wie man so schön sagt, wenn man keine vernünftigen Gegenargumente in einer Situation wie dieser findet. Dieses herzige Geschöpf war ja auch in einem Zustand, in dem es ganz unmöglich für ein männliches Wesen war, ihm etwas abzuschlagen. Das wusste – oder fühlte sie vielmehr instinktiv – wohl ganz deutlich.
Ich opferte also ein paar rassige Abfahrten auf Parsenn auf dem Altar der christlichen Nächstenliebe und ging einen Vormittag lang mit ihr auf Bolgen. Dort versuchte ich mein Bestes, sie auf eine möglichst angenehme Art mit der weissen Kunst einigermassen vertraut zu machen ...
Lieber Ski-Freund, ich kann Dir sagen, dass es ein hoffnungsloses – aber auch ein ganz hoffnungsloses – Unterfangen war. Entweder war ich eben kein Lehrer, oder aber dann hatte dieses kleine Stückchen Weibsbild nicht das geringste, aber auch nicht das allergeringste Talent dazu, jemals in ihrem ganzen Leben einen ordentlichen Schneepflug, von einem Stemmbogen schon gar nicht zu reden, fertigzukriegen.
Ich war ganz verzweifelt – innerlich natürlich nur. Aber ihr schien das alles gar nicht so viel auszumachen. Sie strahlte – und fiel in den weichen Pulverschnee. Ich ging hin, hob sie auf und stellte sie vorsichtig und behutsam wieder auf die Beine. Dann fuhren wir wieder los, sie strahlte mit ihrem glücklichsten Lächeln – und fiel wieder um. Dann ging ich abermals hin, hob sie ebenso vorsichtig und behutsam auf und stellte sie auf die Beine, worauf sich der ganze Ablauf einfach wiederholte. Siehe oben.
Manchesmal blieb sie besonders lang liegen, so, als ob sie sich wehgetan hätte, und verzog ein bisschen ihr rotes Mäulchen. Dann musste ich natürlich beim Wiederaufheben ganz besonders behutsam, man kann fast sagen, zärtlich sein, um ihr nicht noch mehr wehzutun. Wenn sie dann so schwer in meinen Armen lag, wurde mir wohl ganz heiss vor Anstrengung ...
Wir betrieben diesen Sport recht ausgiebig, denn der Himmel war wolkenlos blau, der Schnee makellos weiss, und die liebe Sonne spendete ihre wärmenden und herzerfreuenden Strahlen in einer geradezu verschwenderischen Fülle. Aber mit der Zeit wunderte ich mich doch ein wenig, dass dieser kleine Wuschelkopf unserer doch immerhin ziemlich anstrengenden Tätigkeit auch so gar nicht müde wurde. Erst viele Jahre später – denn ich dachte noch recht oft an meine erste «Schülerin» – ging mir dann ganz plötzlich ein Licht auf. Da war ich nämlich schon bedeutend tiefer in die Geheimnisse der weissen Kunst eingedrungen!
Kleine Parsenngeschichten von Albert Jenny, mit Zeichnungen von Helmut Knorr, 1952, Verlag Buchdruckerei Davos AG (vergriffen).