Das könnt Ihr tun, wenn Eure Bekannten an Verschwörungstheorien glauben
mit Marko Kovic sprach Simon Lechmann
Marko Kovic ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler. Wir wollten von ihm wissen, warum Verschwörungstheorien zurzeit so im Trend sind und was man tun kann, wenn Freunde oder Verwandte einem plötzlich kuriose Videos weiterleiten.
Marko Kovic, zurzeit haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Warum sind diese gerade so attraktiv?
Marko Kovic: Die aktuelle Situation, die weltweite Pandemie, die Krise – das ist etwas Einmaliges. In solchen Situationen suchen die Leute Antworten. Eine Verschwörungstheorie ist eine einfache Erklärung, die klar sagt: «Die sind schuld», «Das ist kein Zufall». Solche Erklärungen vermitteln Sicherheit und ein Gefühl von Kontrolle.
Warum ist es für Menschen einfacher an eine solche Verschwörungstheorie zu glauben als die Pandemie einfach zu akzeptieren?
Das Stichwort heisst Ungewissheit. Eine Pandemie, die auftritt und zu einer Gefahr wird, ist intuitiv schwierig zu verarbeiten. Es ist zwar sehr unwahrscheinlich, dass uns etwas passiert, aber es könnte halt trotzdem. Darüber kann der Mensch nicht gut nachdenken. Es ist viel einfacher, wenn wir jemandem ein solches Ereignis in die Schuhe schieben und sagen können, dass eine böswillige Absicht dahintersteckt.
Vielfach endet die Suche nach einem Schuldigen bei einer dunklen Macht. Das können Finanzsysteme, der Staat oder auch Minderheiten sein. Haben solche Verschwörungstheorien grundsätzlich die Motivation zu diskriminieren?
Es gibt tatsächlich viele Verschwörungstheorien, die sehr antisemitisch oder sonst rassistisch aufgeladen sind. In Europa kursiert momentan die grosse Verschwörungstheorie des Bevölkerungsaustausches. Irgendwelche dunkle Mächte sollen aktiv weisse Menschen aussterben und braune Menschen ansiedeln lassen wollen. Bei der Pandemie sehe ich das aber gemischt: Leute, die auf der Strasse gegen die Massnahmen demonstrieren, sind grundsätzlich nicht rassistisch motiviert. Die haben andere wirre Weltbilder.
Weshalb sind gewisse Menschen anfälliger für solche Theorien als andere?
Die Forschung zeigt, dass anfälligere Leute einen tieferen sozioökonomischen Status haben, also weniger Bildung geniessen – und vor allem weniger Geld haben. Das sind Menschen, die das Gefühl haben, dass das System unfair ist. Wenn man in einer solchen Lebenssituation Theorien sieht, die das bestätigen, passt das in die eigene Lebensrealität.
Wie soll ich damit umgehen, wenn Leute in meinem Bekanntenkreis an Verschwörungstheorien glauben?
Es gibt zwei Strategien. Die eine ist ganz pragmatisch: Einfach nichts tun. Es kann nämlich Konflikte geben, die man vielleicht nicht unbedingt möchte. Grundsätzlich ist es aber wichtig, dass man sehr empathisch vorgeht. Man muss mit Wohlwollen und Mitgefühl versuchen zu verstehen, weshalb diese Person an solche Geschichten glaubt. Man sollte vermitteln, sich nicht über diese Person lächerlich machen oder sie kritisieren, sondern die Theorie gemeinsam kritisch hinterfragen.
Wie gefährlich ist es denn, wenn viele Leute an Verschwörungstheorien glauben?
Die meisten Leute, die solche Videos oder Webseiten konsumieren, glauben nicht stark daran. Teilweise ist es auch Unterhaltung. Aber es gibt natürlich auch einen harten Kern, der sein Weltbild sehr stark nach solchen Theorien ausrichtet. Bei solchen Leuten ist es gefährlich, weil sie sich von der Realität abwenden. Aus der Forschung weiss man, dass solche Leute sehr politikverdrossen sind.