Das Herz auf dem rechten Fleck
«Dass ich eine Frau bin, spielt keine Rolle. Ich bin ein Mensch.» Mit dieser Haltung ging die 1923 in Zürich geborene Ruth Gattiker durchs Leben, von klein an. Ihr Vater, Ingenieur bei der Maschinenfabrik Oerlikon, sah das anders. Als sie ein Gymnasium besuchen und Ärztin werden wollte, war er dagegen. Sein Argument: Er würde sich nie von einer Frau behandeln lassen. Sie sollte Sekretärin werden. Doch die junge Ruth war zäh, überwand den Widerstand, machte zunächst die Handelsmatura, dann eine kantonale und am Ende noch heimlich die Eidgenössische Matura, um endlich Medizin studieren zu können. Nach dem Staatsexamen und der Promotion 1952 arbeitete sie wissenschaftlich in Lausanne und kam 1955 an die Schweizerische Pflegerinnenschule mit Frauenspital in Zürich als Assistenzärztin für Chirurgie. Ihre dortige Vorgesetzte Marie Lüscher riet ihr von der Chirurgie ab – sie werde in dem männerdominierten Fach keine Aufstiegschancen haben. Gattiker wechselte Ende der 1950er-Jahre in das damals neue Fach moderne Anästhesie am Kantonsspital Zürich und machte Karriere.
Koryphäe mit grosser Energie
Als der schwedische Herzchirurg Åke Senning 1961 nach Zürich kam, zweifelte er zunächst, dass er mit einer Frau zusammenarbeiten könne. Doch er realisierte schnell, dass er in der zähen, engagierten Anästhesistin eine Mitarbeiterin ohnegleichen fand. Gattiker erlebte mit ihm die Pionierphase der Herzchirurgie in Zürich und war 1969 bei der ersten Schweizer Herztransplantation mit dabei. Im selben Jahr reichte sie ihre Habilitationsschrift «Anästhesie in der Herzchirurgie» ein, lange Jahre ein Standardwerk. Sie war eine Koryphäe auf ihrem Fachgebiet, Senning bezeichnete sie mal als Weltbeste. 1976 wurde sie Titularprofessorin und Leitende Ärztin am Universitätsspital Zürich. Sie war eine der ersten Professorinnen an der Medizinischen Fakultät, erlangte nationale und internationale Anerkennung.