Dampfzug im Winterwald, 1907
Ein Zug fährt dem Betrachter, der Betrachterin durch das waldige Gelände entgegen; die Lokomotive stösst grosse Dampfwolken, vermischt mit etwas Rauch, aus. Grauweisser Dampf und weisser Schnee kontrastieren mit dem schwarzen Eisen der Maschine. Der Gegensatz zwischen dem schweigenden Wald und dem fauchenden, stampfenden und pfeifenden Vehikel ist schon fast hörbar.
Die Aufnahme aus dem Jahr 1907 zeigt eine der Dampflokomotiven G 4/5, welche die Rhätische Bahn damals gerade beschafft hatte – mit 800 PS Leistung und 45 km/h Höchstgeschwindigkeit. Der Standort des Fotografen ist im Rütiwald nordwestlich von Klosters Platz; Dorfhäuser sind hinter all dem Dampf-gewölke noch sichtbar. Diese Perspektive auf Klosters ist sozusagen «klassisch» und bereits auf Druckgrafiken aus der Mitte des 19. Jahrhunderts anzutreffen. Auf dem vorliegenden Foto fehlt allerdings der wesentliche Fixpunkt in der Raumtiefe – die Kirche mit ihrem charaktervollen Turm. Sie wird vom Ausstoss der Dampflok völlig verdeckt.
Das Bild ist untypisch für seinen Schöpfer: Christian Meisser (1863 bis 1929) war als Fotograf am Volksleben und an Landschaften, kaum aber an Verkehrstechnik interessiert. In den 1890er-Jahren führte er ein Tuchwarengeschäft in Schiers und betätigte sich als Amateurfotograf, der seine Motive im Prättigau fand. In dieser Schaffensphase erhielt er mehrere internationale Auszeichnungen. Meissers Nachlass im Staatsarchiv umfasst Glasplattennegative und qualitativ hochstehende Abzüge (das vorliegende Bild unter Signatur FN XII 13/18 01792). Der Bestand wurde soeben digitalisiert.
Text: Florian Hitz, Staatsarchiv Graubünden, publiziert mit freundlicher Genehmigung aus der «Bündner Woche» vom 6. April.