Yvonne wuchs in Deutschland auf. «Schon mit 14 wusste ich, dass ich nach Skandinavien will, um auf einer Huskyfarm zu arbeiten. Völlig unrealistisch», erinnert sie sich und lacht. Naja, damals war es unrealistisch. Auch einige Jahre später noch, denn Yvonne wurde Anwältin und arbeitete in einer Grosskanzlei. Ein Büro- und Stadtleben. Dann die erste Reise nach Skandinavien, die erste Schlittentour. Es folgten zwei weitere, bis die Anwältin ihren Job kündete, um fortan mit Hunden zu arbeiten. Von der Grosskanzlei in die Einöde. Ausbruch aus dem Hamsterrad. Könnte man meinen, aber: «Meine Entscheidung ist keine Entscheidung gegen Deutschland, auch keine gegen meinen Job. Es ist eine Entscheidung für das Leben hier», sagt sie. Raphael nickt. Auch der Valser entschied sich nicht für ein Leben in Schweden, weil er es in der Schweiz nicht mehr aushielt. Er wuchs im Bergdorf zuhinterst in der Val Lumnezia auf, lernte Maurer, war Skilehrer. Er lebte schon immer nahe mit und an der Natur, schon immer im Dorf, schon immer etwas abgelegen. Warum also das Dorf verlassen, um in einem anderen Dorf zu leben? «Es war die Hektik, die mir in der Schweiz nicht passte. Hier ist alles etwas ruhiger, etwas gemächlicher», meint er. Nach der Lehre und dem Militär hatte er genug vom Stress, wie er sagt. Er gönnte sich eine Auszeit und buchte in Finnland eine Schlittenhundetour. Keine klassische, Raphael ging mit der Idee, mehr über die Arbeit und das Leben mit den Hunden zu erfahren. Schon immer wollte er eigene Hunde und beobachtete gerne die Lawinensuchhunde bei der Arbeit in Vals. «Aber wir hatten halt Katzen zuhause», sagt er schmunzelnd. Als er in Finnland ankam, war es um ihn geschehen. «Der Schnee, die Weite, die Arbeit mit den Hunden, der klare Sternenhimmel. Ich ging zurück nach Hause und habe sofort eine Bewerbung abgeschickt», erzählt er. Eine Bewerbung, um als Schlittenhundeguide arbeiten zu können. Im Herbst 2015 war es soweit. Auf der Huskyfarm lernte Raphael nicht nur die Arbeit mit den Hunden, sondern auch Yvonne kennen. Seit Herbst 2016 gehen sie gemeinsam durchs Leben und durch Skandinavien. Sie arbeiteten auf verschiedenen Farmen, dann wurde Yvonne 2019 schwanger und das Paar lebte für einige Monate in Deutschland. Seit März 2020 sind sie aber zurück in Schweden. Jetzt mit einem Haus, einem Kennel und einem eigenen kleinen Business, das Hundeschlittentouren anbietet.
Ihr Leben in Schweden sei nicht weniger mit Arbeit ausgefüllt als ihre früheren Leben, sagen die beiden. Sie arbeiten nicht nur im eigenen Betrieb, auch haben beiden noch einen Teilzeitjob in anderen Firmen. «Wir sind 24 Stunden auf Abruf, 365 Tage im Jahr. Aber die Arbeit mit den Hunden ist für mich ein grosses Hobby», sagt Raphael Illien. Er spricht von wahrem Reichtum, seine Frau von gehaltvollen Momenten, wenn sie von der Zeit mit ihren Hunden erzählen. Ein Leben, das sie nicht mehr missen wollen, auch wenn Auswandern kein einfacher Weg ist. Die Illiens mussten sich im Ort beweisen, mussten zeigen, dass sie es ernst meinen. Gerade in einer Region wie dieser, wo viele Deutsche und Schweizerinnen leben und es deshalb von den Einheimischen nicht nur gerne gesehen wird, wenn noch eine Deutsche und noch ein Schweizer ein Grundstück kaufen. «Es ist kein Ausprobieren. Du musst es wirklich wollen», sagt Raphael.
Sie wollen es. Sie machen es. Dieser Winter ist der zweite, in dem Yvonne und Raphael Illien Hundeschlittentouren anbieten und damit ihren Gästen die Weiten Schwedens näherbringen. Jene Sehnsuchtsorte, die für die junge Familie zum neuen Daheim geworden sind.