Auf Balkonreise in Davos
Alexander Spengler hat vor 150 Jahren herausgefunden, dass die Tuberkulosekranken Veltliner trinken und in der Davoser Luft liegen sollen, bis ihre Lungen wieder Schnauf finden. So stiftete die Medizin den Davoser Balkon als Mischung aus Laube, Veranda und Aussenzimmer. Der Urtyp ist handwerklich schön gefertigt mit filigranen Geländern und zierlichen Brüstungen, da und dort noch prägt er die schon lange nicht mehr gebrauchten Sanatorien. Dann hat ein Medikament Spenglers und der Seinen Geschäftsmodell vor gut hundert Jahren zu zerrütten begonnen, die Kranken schluckten Pillen und kamen nicht mehr. Der Balkon aber ist geblieben, ja er hat sich in neun Varianten vermehrt. Wer diese Vielfalt sehen will, laufe zum Beispiel der «Oberen Strasse» in Davos Platz nach. Und er kann staunen, welche Vielfalt worden ist.
So sehen wir den «Kleindavoser», der sich durch sorgfältige Details auszeichnet und der Schönheit des Hauses angemessen ist in Machart und Proportion, aber er ist zu klein für den Tuberkulose-Stuhl, der der Sonne nach gerichtet werden muss. Im Haus nebenan hängt der «Schwamendinger», der seine Herkunft in den grossen Überbauungen des Zürcher Vororts hat. Er ist ein betonierter Winkel aus Platte und Brüstung, beliebt als Abstellplatz für den Hometrainer und den Kanarienvogel. Zu sehen ist auch der «Spartrog», welcher der verarmte Bruder des Schwamendingers ist. Hinter einem einfachen Staketengeländer türmen die Feriengäste hier ihre Abfallsäcke auf – balkonieren tut da auf der Schattenseite des Hauses niemand. Ein kunsthistorisch wertvolles Stück ist der «Waschbetonli», der mit ungeschliffenem Beton dem Haus den Charme der Siebzigerjahre gibt und mit dem «Geschnitzten Trögli», just daneben, die tirolerwalserengadinerische Fantasie zu einem Gesamtkunstwerk vereint. Einzig die Geranien fehlen – es ist Februar. Bemerkenswert ist der «kühne Bastler». Er ist nachträglich ans Haus gestellt worden in einer Manier, dass ein Statiker weiche Knie kriegt. Der «Protzmondän» ist kein Balkon, sondern eine Terrasse, die verkündet, dass der Besitzer sich etwas leisten kann, auch wenn er seinen Balkon, schutzlos in Wind und Wetter, nicht brauchen kann. Die «Veranda» ist, was sie ist. Ein behütetes Aussenzimmer mit schönen Farbglasarbeiten, die als Lauben Gemütlichkeit und Nützlichkeit versprechen. Der «Wintergarten» ist der neureiche Bruder der Veranda, sein Leben verdankt er der Schlosser- und Glaserarbeit in der Vorfabrikation und so wirkt er am Haus wie die Faust aufs Auge.
Von Davos lernen? Die Tuberkulose hat eine Architektur geboren. Medikamente vertrieben die Krankheit. Der Balkon aber hat überlebt, zwecklos schön. Ich kenne keinen Ort, wo es auf engem Raum so viele unterschiedliche Balkone gibt, obschon das oft kalte Wetter für den Gebrauch dieses Stücks Architektur ja eher ungünstig ist. Und so gilt: Nicht der Gebrauch stiftet Architektur, sondern die Gewohnheit und die Sehnsucht.
Köbi Gantenbein ist Hochparterres Verleger und Präsident der Bündner Kulturkommission. Sein Text erschien erstmals am 4. Februar in der Südostschweiz.
Gantenbein präsentiert am Mittwoch, 9. Februar, von 18 bis 20 Uhr, im Kulturplatz Davos das Hochparterre Themenheft «Die Alpenstadt baut». Er wirft dabei einen Blick auf die sieben jüngsten Bauprojekte der Gemeinde Davos. Als Redner und Sänger nimmt er die Gäste der Vernissage mit auf eine spannende Reise des Planens und Bauens in der Alpenstadt. Die kunstsinnigen Worte werden von Domenic und Curdin Janett musikalisch begleitet.
Für die Veranstaltung gilt 2G + Maskenpflicht.
Leserbrief
Davos und seine Balkone – eine Klarstellung
«Auf Balkonreise in Davos», so der Bericht von Köbi Gantenbein in der «Südostschweiz» vom 4. Februar. Der vermutlich als humorvoll gemeinte Bericht zeigt aber so viele historische Ungenauigkeiten und Fehlinformationen, dass dies unbedingt korrigiert werden muss. Die Davoser Balkone sind ein Produkt der Zeit zwischen 1870 und 1944, als Tausende aus Europa und Russland, selbst aus Amerika, hofften, in Davos von der Tuberkulose geheilt zu werden; es war die Zeit des Kurortes, als Davos die letzte Hoffnung von Tuberkulosekranken aus der ganzen Welt war. Das Liegen in der Sonne war eine der wichtigsten Heilungsmethoden. Aus diesem Grund wurde schon das erste Sanatorium in Davos, das Sanatorium Dr. Turban, im Jahr 1889 mit gegen Süden gerichteten Balkonen erbaut.
Bereits im Sanatorium von Dr. Brehmer in Görbersdorf (heute mit dem polnischen Namen Sokolowsko) spielte die Heilwirkung der Sonne eine überaus grosse Rolle, sodass die Kranken bis zu sechs Stunden täglich auf ihren Balkonen liegen mussten. Dass die UV-Strahlen heilend wirken, haben amerikanische Wissenschaftler 2006 nachgewiesen, nachdem das Vitamin D3 durch diese Strahlen, auch bei kaltem Wetter, freigelegt wird und wesentlich zum Heilungsprozess beigetragen hat.
Im Gegensatz zu der im Artikel gemachten Aussage konnte die Tuberkulose erst seit 1944, als das Streptomycin, 1946 das Pas und 1952 das Rimifon als spezifische Antibiotika gefunden wurden, endgültig besiegt werden. Diese Medikamente haben mit Alexander Spengler rein gar nichts zu tun, denn Spengler starb 1901, und bis in die 1940er-Jahre waren die UV-Strahlen die wichtigsten Heilmethoden überhaupt. Aus diesem Grund stammen die Balkone in der Davoser Architektur vor allem aus der Zeit der Tuberkuloseheilung und prägen heute verständlicherweise in verschiedenen Ausführungen das Ortsbild von Davos.
Klaus Bergamin, Lokalhistoriker, Davos Platz