Aktion «2xWeihnachten»: Tonnenweise Gutes tun
von Susanne Turra
Sonnenblumenöl, Farmer, Ovo, Spaghetti, Reis, Tee, Sugo, Kaffee, Zahnpasta, Zahnbürsten, Vollkornmehl, Konfitüre, Konservendosen mit Baby-Karotten und russischem Salat. Damaris Edelmann kauft ein. An sich nichts Aussergewöhnliches. Wenn die Churerin ihre Einkäufe aber nicht in der Küche verstaut, sondern die Ware in eine Kartonschachtel packt, dann ist es das schon. Heute kauft Damaris Edelmann nämlich nicht für sich selber ein, sondern für jemand anderen. Eine von Armut betroffene Person. Eine bedürftige Familie. Menschen, für die eine solche Spende zweimal Weihnachten bedeutet. Und genau so nennt sich auch die Aktion des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK): «2xWeihnachten». Die Sachspendensammlung wird in allen Kantonen der Schweiz durchgeführt. Und das bereits zum 26. Mal. So auch in Graubünden. Seit zwei Jahren leitet Sandro Stebler vom SRK Graubünden das Projekt im Kanton.
Sandro Stebler
Es ist Dienstag Vormittag, kurz vor Weihnachten, in Chur. Vorsichtig legt Damaris Edelmann Öl, Mehl, Reis, Spaghetti und ihre weiteren Einkäufe in die bereitgestellte Kartonschachtel. Sie macht zum ersten Mal an der Aktion mit. «Ich möchte damit etwas Gutes tun», sagt sie. Gesagt, getan. Die Churerin liest auf der Homepage von «2xWeihnachten» nach, was alles gespendet werden kann. Hygiene- und Toilettenartikel. Und nicht verderbliche Lebensmittel aller Art. Diese sollten mindestens sechs Monate haltbar sein. «Früchte und Gemüse, das geht nicht», so Damaris Edelmann. Immerhin dauert es vom Versand der Ware bis zur Verteilung gut zwei Monate. «Es gibt jedes Jahr wieder andere, besonders gefragte Lebensmittel», betont derweil Sandro Stebler. «Dieses Jahr stehen Reis, Konserven und Zahnseide hoch im Kurs.» Dinge, die einem sonst nie jemand schenkt. Dinge, auf die verzichtet wird, wenn zu wenig Geld vorhanden ist. «Und genau das ist der Punkt», so der Projektleiter. «Die Aktion soll das Haushaltsbudget entlasten.»
25 Tonnen bestellt
Und wie genau funktioniert die Aktion? «Im Oktober fragen wir die Institutionen an, was sie brauchen», erklärt Sandro Stebler. «Mittels Bestellformular geben sie ihren Bedarf an.» Das handhabt jeder Kanton wieder ein bisschen anders. In Graubünden geht nichts direkt an Privatpersonen. Hier geht alles über die Regionalen Sozialdienste. Berufsbeistandschaften, Pro Senectute, Pro Infirmis, Kirchgemeinden. Um nur einige zu nennen. Rund 35 Institutionen sind es dieses Jahr im Kanton. Und nicht weniger als 25 Tonnen, die bestellt wurden. «Das ist sehr viel», so der Projektleiter. «Der Bedarf ist enorm gestiegen. Leider.» Das hängt mit der Krise zusammen. Dem Mangel. Der Teuerung. So oder so. «Das Projekt kommt sehr gut an», so Sandro Stebler. «Es macht Freude, zu schenken. Zu geben», ergänzt Damaris Edelmann.
Die Idee entsteht vor 26 Jahren. Genau genommen am 17. Dezember 1997. Bei Radio DRS 1. Damals noch mit einem anderen Grundgedanken. Bei doppelt erhaltenen Geschenken soll eines davon gespendet werden. Die Aktion wird zur Erfolgsgeschichte. Weihnachten bleibt. Die Idee ist heute eine andere. Jetzt geht es um Lebensmittel. Dinge, die es zum Leben braucht. «Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt zum Spenden», so Sandro Stebler. «Die Menschen machen sich in dieser Zeit des übermässigen Konsums vermehrt Gedanken darüber.» Über den Sinn und Unsinn des Schenkens. Das ist ganz wichtig.
Da braucht es viele Hände
Und wie geht es weiter? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die Postpakete können zwischen dem 24. Dezember und dem 11. Januar an jedem Postschalter abgegeben werden. Das Paket muss nicht beschriftet werden. Und auch nicht adressiert. Die Post stellt vorgedruckte Adressetiketten zur Verfügung. Und transportiert die Pakete kostenlos zum SRK. Nach Bern. Auf Wunsch werden die Pakete auch von der Post zu Hause abgeholt. Und über die Webseite von Coop können auch fixfertige Pakete bestellt und gespendet werden. 11 500 Päckli stehen bereit. «Es gibt also keine Ausreden mehr», betont Sandro Stebler und lacht. «Es gibt für alle eine Möglichkeit, zu spenden.» Wie auch immer. In Bern wird alles sortiert. Und es werden grosse Pakete mit den gleichen Artikeln gefüllt. Damit werden dann die einzelnen Kantone bedient. Und Anfang März wird an einem Verteilnachmittag alles nochmals aussortiert und an die entsprechenden Institutionen geliefert. Dafür braucht es jeweils rund 17 Freiwillige. Immerhin sind es zig Tonnen, die nochmals umgepackt werden müssen. Da braucht es sehr viele Hände. Sehr viel Organisation. Und eine sehr gute Logistik. Die Endverteilung übernimmt jeweils die «Gebr. Kuoni Transport AG» kostenlos. «Das ist für mich der stressigste Tag», verrät der Projektleiter. «Aber auch der schönste.»
2700 Personen werden unterstützt
Übrigens bringen die einzelnen Institutionen die Ware auf unterschiedliche Art und Weise an die Begünstigten. Manche füllen alles in Papiertaschen und geben es auf der Beratungsstelle an die Klientinnen und Klienten weiter. Andere organisieren Einkaufsnachmittage, an denen ihr Sitzungszimmer zum kleinen Lädali wird. Hier können die Begünstigten dann mit ihren Punkten einkaufen. So oder so. Allein in Graubünden sind es 2700 Personen, die über die sozialen Institutionen unterstützt werden. Eine Zahl, die zu denken gibt.
Zurück zu Damaris Edelmann. Das Paket ist fertig. Aber Achtung. Es darf nicht schwerer als 30 Kilo sein. Die Spenderin wiegt es kurz in ihren Händen. Sie ist zufrieden. «Es ist schwer, aber nicht zu schwer», sagt sie und lacht. Sie verlässt das Haus. Und bringt das Päckli auf die Post.
Informationen unter www.2xweihnachten.ch, www.srk-gr.ch