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Ein Teil davon sein – trotz Beeinträchtigung

Inklusion und Barrierefreiheit in der Destination Davos Klosters liegt Valérie Favre Accola am Herzen.

Bündner Woche
15.05.24 - 10:49 Uhr
Leben & Freizeit
Barrierefrei: In der Destination Davos Klosters finden Menschen mit Beeinträchtigung in vielen Bereichen Zugang.
Barrierefrei: In der Destination Davos Klosters finden Menschen mit Beeinträchtigung in vielen Bereichen Zugang.
zVg

von Jasmin Klucker

Die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Und gleichzeitig ist es auch, die Ruhe vor dem Sturm.  Nein, besser gesagt vor dem Sommer, in dem Davos Klosters erneut freudige Touristinnen und Touristen empfängt. Menschen, die den Bergen so nah wie möglich kommen möchten. In dieser wunderschönen Bergwelt ist das definitiv möglich, das ist klar. Jedoch nicht für alle von uns. Menschen mit körperlichen Einschränkungen können die Berge oft nur aus der Ferne betrachten. Der Wunsch, ein Teil davon zu sein, bleibt oft nur ein Wunsch. Doch das Verständnis für einen solchen Wunsch ist grösser geworden, insbesondere in Davos Klosters mit dem Projekt «Access unlimited», das zum Ziel hat, ein durchgehend barrierefreies Angebot in der Destination Davos Klosters anzubieten – von der Anreise über die Unterkunft bis zu tollen Events. In einem Gespräch mit Grossrätin und Regionalentwicklerin Valérie Favre Accola wird klar, dass es nicht immer einfach war. Die Erkenntnis allein reicht nicht aus. «Es ist ein Prozess», sagt sie. Das Ganze begann mit einem Regionalentwicklungsprojekt, das abgeschlossen ist. Barrierefreiheit ist aber weiterhin ein Thema. Diese erleichtert Menschen den Alltag, ermöglicht ihnen aber auch Freizeitaktivitäten in der Destination.  «Es profitieren nicht nur die Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern wir alle», sagt Valérie Favre Accola. 

Der Prozess ist sehr zeitintensiv und aufwendig

Ein Prozess erfordert immer eine gewisse Planung. Die bereits bestehende Grundinfrastruktur von Davos Klosters musste von Grund auf überprüft werden, um zu erkennen, wo Verbesserungen erforderlich sind. So können nicht nur Menschen im Rollstuhl die verschiedenen Angebote nutzen, sondern auch solche mit Sehbehinderungen oder Gehörlosigkeit. «Es müssen nicht immer sichtbare Einschränkungen sein. Es können auch autistische Menschen sein, die auf alternative Angebote angewiesen sind, um sich in dieser Region wohlzufühlen», so die Grossrätin. Information ist hierbei ein wichtiger Punkt. Gäste, welche auf Barrierefreiheit angewiesen sind, informieren sich bereits vor der Buchung umfassend darüber, ob die Destination über barrierefreie Angebote wie Hotels, Restaurants, Sportanlagen oder Erlebnisangebote verfügt. Aus diesem Grund ist die Kommunikation zwischen den Kundinnen und Kunden sowie den Auskunftspersonen in der Destination besonders wichtig. Das Zusammenspiel zwischen Gemeinden, welche für barrierefreie öffentliche Infrastrukturen zuständig sind, den touristischen Dienstleistern, welche barrierefreie Erlebnisangebote realisieren und der Destination, welche schlussendlich für die Kommunikation zuständig ist, muss gut abgestimmt sein.

Es bleibt nicht nur beim Besuch im Stadion: Mit ein wenig Hilfe kann auch Hockey gespielt werden…
Es bleibt nicht nur beim Besuch im Stadion: Mit ein wenig Hilfe kann auch Hockey gespielt werden…
zVg
…und im Sommer das Tandem genutzt werden.
…und im Sommer das Tandem genutzt werden.
zVg

Die Spuren des Wintertourismus sind an diesem Tag nur noch auf den Berggipfeln zu sehen. Diese tragen immer noch leicht weisse Hüte. Der vergangene Winter hat einigen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, und das auch, weil sie den Bergen näher gekommen sind. Dies dank des Dualskis, den man in Parsenn mieten kann, sei es allein oder mit einem erfahrenen Lehrer oder einer Lehrerin. Mit einem solchen Angebot können Menschen mit Handicap ein Teil des Ganzen sein. Im Winter beschränkte es sich jedoch nicht nur auf dem Dualski: Es gab auch Möglichkeiten zum Langlaufen, zum Besuch des Eishockeystadions oder zum Winterwandern dank speziellen Kufen am Rollstuhl. Unzählige Momente brachten eine gewisse Leichtigkeit in das Leben der betroffenen Menschen. Die Erinnerung an das Winterwunderland wird in den nächsten Wochen von schönen sommerlichen Tagen abgelöst, und mit ihnen kehren auch die Sommerangebote zurück. «Dank der Pro Infirmis Web-App kann sich der Gast informieren, welche barrierefreien Infrastrukturen vor Ort zu finden sind», betont die Regionalentwicklerin weiter. «Vieles ist noch in Entwicklung. Uns war jedoch wichtig, dass wir ein vielfältiges Angebot entwickeln, das Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen anspricht.» Für jede und jeden von ihnen sollte es ein passendes Angebot geben. 

Etwas, das für alle geeignet ist, steht beim Davoser See bereit. Die Rede ist vom schweizweit ersten barrierefreien Pedalo. Die weiteren Mitfahrenden an Bord übernehmen das Treten. So können alle für einige Stunden den Alltag vergessen. «Die fröhlichen Gesichter der Menschen, wenn sie zurückkommen, sind unbezahlbar», sagt Valérie Favre Accola mit einem zufriedenen Lächeln auf ihrem Gesicht. Für die Realisierung solcher Angebote ist die Destination auf die Unterstützung von Dutzenden touristischen Dienstleistern angewiesen, so unter anderem der Segelschule Davos, welche die Pedalos vermietet oder der Bike Academy, die E-Tandembikes anbietet, wie auch auf die Mitarbeit der Schneesportschule für Mobilitätseingeschränkte und Sehbehinderte. Die verschiedenen Anbieter setzen nicht nur um, sondern denken auch immer wieder neu darüber nach, wie sich die verschiedenen Angebote verbessern lassen. «Meine Aufgabe war es, zu prüfen, welche Angebote sinnvoll realisiert sind, welche Angebote Sinn machen und wie man die Anschaffungen finanzieren kann», so die Regionalentwicklerin. Zum Teil handelt es sich um grosse Summen. Die Anschaffung solcher spezialisierten Sportgeräte ist teuer, zudem muss ja auch der Unterhalt gewährleistet sein. Dank Partnern sei es gelungen, die Mietpreise günstig zu halten. «So haben wir nicht nur die Barrierefreiheit realisiert, sondern auch finanzielle Barrieren beseitigt. Die Gemeinden Davos und Klosters wie die Destination haben soziale Verantwortung wahrgenommen.» 

Gemeinsam wandern...
Gemeinsam wandern...
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...oder einen Nachmittag mit Freunden und Familie beim Grillen geniessen.
...oder einen Nachmittag mit Freunden und Familie beim Grillen geniessen.
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Viele Menschen suchen das Spektakuläre. In den Bergen sind das oft Aktivitäten wie Mountainbiken, Gleitschirmfliegen und viele andere Sportarten. In anderen Fällen sind es kleine Dinge wie ein Tennisrollstuhl, mit dem man im Winter in der Halle oder im Sommer draussen auf dem Platz Tennis spielen kann. Oder wie bereits erwähnt, den Bergen näherzukommen. Das klappt mit rollstuhlfreundlichen Wanderwegen oder Offroad-Rollstühlen, die sich auch auf steilen Wanderwegen vorankämpfen. So ist das Wandern in den Bergen auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen möglich. Doch der Rollstuhl allein reicht nicht aus. «Wir haben Schulungen durchgeführt, um das Personal zu sensibilisieren und Verständnis zu schaffen. Welche Informationen sind wichtig für diese Gäste? Wie kann man sie richtig unterstützen?»

Ein Exportprodukt

Auch die Kultur darf natürlich nicht fehlen. Das Kirchner Museum in Davos beispielsweise geht mit dem Thema Barrierefreiheit vorbildlich um. Auch bei diesen Angeboten richten sich immer wieder welche ganz spezifisch an Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen. «Ich bin stolz auf die Vielfältigkeit der Angebote in unserer Region», so Valérie Favre Accola. Und auch Markus Böhni, ehemaliger Leiter von Pro Infirmis Ostschweiz, ist es. «Er attestiert der Destination Davos Klosters, dass sie bezüglich barrierefreie Erlebnisangebote aktuell am fortgeschrittensten ist», so die Regionalentwicklerin. 

Dieses Projekt soll jedoch nicht nur in Davos Klosters bleiben. Es soll nach Aussen getragen werden und somit andere Regionen animieren, auch solche Angebote anzubieten. Im Auftrag des Amts für Wirtschaft und Tourismus Graubünden hat die Projektleitung ein Handbuch zu barrierefreiem Tourismus verfasst. «Wir mussten von Null anfangen und wussten nicht, wie sich das alles entwickeln würde», gibt Valérie Favre Accola zu bedenken. Umso schöner ist es, dass andere Destinationen dank des Leitfadens nicht von Null anfangen müssen. Das Handbuch hat es bereits bis in die Lombardei geschafft. Dort wird es für ein Projekt zu «Ski ability» genutzt. «Sie machen sich dort bereit für die olympischen Spiele», verrät Valérie Favre Accola. «Unsere Erfahrungen können auch für andere Destinationen und Gemeinden hilfreich sein.» Dafür, dass in Zukunft noch mehr Menschen mit einer Einschränkung den Bergen ein grosses Stück näher sein können. Und somit eine Einheit zwischen allen entstehen kann.

Mehr Infos:
www.access-unlimited.ch

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