«Gibt dem Unsagbaren eine Stimme» - Literaturnobelpreis für Jon Fosse
Als er Fosse telefonisch vorab erreicht habe, habe dieser sich gerade in der Nähe seines Sommerhauses an einem Fjord nördlich von Bergen im Auto befunden, sagte Malm. Er habe versprochen, vorsichtig zu fahren und sich die Bekanntgabe anzuschauen, merkte Malm an.
«Ich bin überwältigt», sagte Fosse der schwedischen Zeitung «Svenska Dagbladet». Er sei «sehr, sehr froh», habe aber auch ein wenig Angst vor der ganzen Aufmerksamkeit, die der Nobelpreis mit sich bringe.
Düstere und von Stille geprägte Theaterstücke haben den Norweger berühmt gemacht. Seinen Texten haftet oft etwas Melancholisches und auch Mystisches an. Fosse hat bereits eine Fülle an Werken geschrieben und ist vielfach ausgezeichnet worden. Sein erstes Drama auf Deutsch, «Der Name», brachte ihm den Ibsen-Preis und den österreichischen Theaterpreis ein. Sein jüngstes auf Deutsch erschienenes Werk ist der Roman «Ich ist ein anderer» (Rowohlt Verlag).
Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck begrüsste die Entscheidung für Fosse. «Ich freue mich für ihn. Ich halte das für eine ausgezeichnete Wahl», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist alles andere als ein skandinavisches Heimspiel, sondern wirkliche Weltliteratur.» Fosse sei ein Autor, der für die menschliche Einsamkeit neue Ausdrucksformen gefunden habe, und «ein Geistesverwandter von Samuel Beckett», sagte Scheck.
Im vergangenen Jahr hatte die Schwedische Akademie die französische Schriftstellerin Annie Ernaux als Literaturnobelpreisträgerin auserkoren. Sie bekam den Nobelpreis «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt», wie die Akademie damals würdigte. Ernaux war dabei die erst 17. Frau unter den bis dato 119 Nobelpreisträgern in Literatur gewesen. In den vergangenen Jahren ist der Preis jeweils abwechselnd an Männer und Frauen gegangen.
Der Literaturnobelpreis wird alljährlich als vierter der Nobelpreise bekanntgegeben. Von Montag bis Mittwoch waren bereits die Preisträgerinnen und Preisträger in den wissenschaftlichen Kategorien Medizin, Physik und Chemie gekürt worden. Am Freitag folgt der Friedensnobelpreis, der als einziger nicht in der schwedischen Hauptstadt Stockholm, sondern in der norwegischen Hauptstadt Oslo verkündet wird. Am Montag steht dann zum Abschluss die Bekanntgabe in der Kategorie Wirtschaftswissenschaften an.
Feierlich überreicht werden die Nobelpreise dann traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Dynamit-Erfinders und Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896). Dotiert sind die Auszeichnungen in diesem Jahr mit elf Millionen schwedischen Kronen (rund 950 000 Euro) pro Kategorie. Das sind eine Million Kronen mehr als im Vorjahr.