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Kultur

Lernen, mit der Trauer umzugehen

An Allerseelen lädt Regisseur Marco Luca Castelli zur Premiere des Stücks «Schwestern» in die Churer Klibühni. Es soll zu einem Fest für die geliebten Menschen werden, die von uns gegangen sind.
30.10.2017, 04:30 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

In den Augen ihrer Eltern hat Matilde den Verstand verloren.

Matilde und Alessia hüpfen auf dem Bett herum, raufen und lachen, umarmen sich, rappen sich zum Vergnügen einige Zeilen vor. Die zehn- bis zwölfjährigen Geschwister sind unzertrennlich – selbst über den Tod hinaus. Denn Nacht für Nacht erhält Matilde Besuch von ihrer verstorbenen Schwester Alessia, die von einem Zug erfasst wurde. Matilde erlebte den Unfall mit und muss nun lernen, mit dem Verlust umzugehen, diesen zu akzeptieren. Die Eltern wissen von den nächtlichen Besuchen, die sie indes nur als Monologe ihrer Tochter wahrnehmen. In ihren Augen hat Matilde den Verstand verloren.

«2007 ist meine Schwester Claudia Alessia Castelli gestorben», erzählte Regisseur Marco Luca Castelli gestern an einer Medienorientierung in Chur. «Es ist nun an der Zeit, ein Fest zu feiern – ein Fest, um unsere liebsten Menschen zu feiern.» Und wo könne man das besser als im Theater?

Castelli hat sich deshalb entschlossen, die Produktion «Schwestern» des niederländischen Theaterautors Theo Fransz im Churer Theater Klibühni zu inszenieren. Das Stück über die Schwestern Matilde und Alessia ist für Kinder ab acht Jahren sowie Erwachsene gedacht und wird ab dem 2. November nicht nur dem regulären Publikum gezeigt, sondern in etlichen Zusatzvorstellungen auch Bündner Schulklassen.

Gedichte von Mascha Kaléko

Auf der Bühne, die von einem überdimensionierten Bett dominiert wird, verkörpert Felicitas Heyerick die Matilde, Alessia wird von Kristin Scheinhütte gespielt. Die Churer Sängerin Astrid Alexandre gibt die Mutter – eine Rolle, die Castelli dem Stück hinzugefügt hat. Alexandre trägt ausserdem vier selbst komponierte Lieder vor, deren Texte von der deutschsprachigen Dichterin Mascha Kaléko (1907–1975) stammen.

«Die Mutter findet sich im Stück in dieser Musik wieder», meinte Castelli. «Die Lieder sind Kommentare zum Stück, die Gedichte passen perfekt zur Handlung auf der Bühne.»

Loslassen als Lösung

Im Stück hilft Alessia ihrer Schwester Matilde bei der Trauerbewältigung. Sie will, dass Matilde wieder das Schöne am Leben sieht, loslässt und lernt, dass die beiden Schwestern auch nach dem Tod einander verbunden bleiben, wie Castelli erklärte. «Erst dann kann Alessia Ruhe finden.» Am Ende der 40. Nacht, in der das Stück spielt, gelingt es Matilde, ihre Schwester freizugeben.

Theaterautor Fransz habe es trotz des schweren Themas geschafft, ein witziges Stück zu schreiben – ohne Seelenstriptease und todtrauriger, gespenstischer Grundstimmung, betonte Castelli. «Ihm ist damit die Quadratur des Kreises gelungen – das Stück erinnert an Roberto Benignis Film ‘La vita è bella’ .» Dies sei wohl auch der Grund, weshalb «Schwestern» seit der Uraufführung 2004 in Amsterdam über Jahre hinweg enorm erfolgreich in ganz Europa gespielt worden sei.

Ein grosses Lob sprach Castelli auch den Schauspielerinnen Heyerick und Scheinhütte aus. «Sie spielen dermassen mutig und sind ganz durchdrungen von dem Thema.» Sie würden das umsetzen, was ihm sein Schauspiellehrer immer geraten habe: «zu sein und nicht zu schauspielern».

«Schwestern». Premiere: Donnerstag, 2. November, 19 Uhr. Weitere Vorstellungen: Freitag, 3. November, 19 Uhr; Samstag, 4. November, 15 Uhr; Sonntag, 5. November, 15 Uhr; Mittwoch, 8. November, 19 Uhr; Donnerstag, 9. November, 19 Uhr. Theater Klibühni, Chur. Reservation unter www.klibuehni.ch.

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