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Pensionskasse Graubünden: Klimabewusst und doch im Blindflug

Die Bündner Pensionskasse ist um Klimaschutz bemüht, investiert aber trotzdem Millionen in Öl- und Gasfirmen. Derweil bedroht der Klimawandel die Renten – gerade die der jüngeren Versicherten.

Gion-Mattias
Durband
21.02.26 - 16:00 Uhr
Graubünden
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Klimafolgen: Wie die Pensionskassen unsere Gelder anlegen, wirkt sich auf die Rendite und die Klimarisiken aus.
Bildcollage: Ivo Mayr/Correctiv, KI-generierte Bildvorlagen

von Oliver Christe (WAV), Sven Niederhäuser (Correctiv Schweiz) und Gion-Mattias Durband

2050 wird die Lehrerin Lea Fehr* pensioniert. Laut ihrem Vorsorgeausweis der Pensionskasse Graubünden erhält sie dann rund 1300 Franken pro Monat. Ob das zum Leben reicht, weiss sie nicht.

Um höhere Renten auszuzahlen, fordern einzelne Fachpersonen Pensionskassen auf, mehr in Aktien zu investieren. Doch je höher der Aktienanteil, umso grösser das Risiko. Bei Finanzkrisen verlieren diese stark an Wert. Wegen des Klimawandels rechnet der renommierte Finanzdienstleister Ortec Finance vermehrt damit und prognostiziert Schweizer Pensionskassen in den kommenden Jahrzehnten eine deutlich tiefere Rendite.

Auch Fehr macht der Klimawandel besondere Sorgen. Sie sieht die Folgen jedes Jahr in Form von schmelzenden Gletschern, zunehmenden Überschwemmungen und Hitzewellen. «Dass das kostet, verstehen selbst meine Kinder.» Sie will, dass ihre Rente trotz der Risiken sicher ist. «Wenn der Klimawandel meine Vorsorgegelder gefährdet, erwarte ich von meiner Pensionskasse, dass sie etwas unternimmt», sagt Fehr.

Rente aus dem Aktienmarkt

Die Pensionskasse Graubünden (PKGR) erwirtschaftete 2024 über 60 Prozent ihres Gewinns mit Aktien. Ähnliches gilt für die zehn Jahre zuvor. Mit einem Vermögen von vier Milliarden Franken will sie Verantwortung in der Klimakrise wahrnehmen. Auf ihrer Webseite schreibt die PKGR, dass sie «eine grosse ethische, ökologische und soziale Verantwortung» trage. Dabei nennt sie explizit Klimarisiken und hält fest, dass gegenüber Versicherten primär eine finanzielle Verantwortung bestehe.

Wie sie dabei vorgeht, war bislang nicht bekannt. Deshalb haben das WAV-Recherchekollektiv und Correctiv Schweiz auf Grundlage des Öffentlichkeitsgesetzes Einsicht in die Investitionen der Pensionskasse Graubünden verlangt – und erhalten.

2300 Franken pro Versicherte fliessen in Öl und Gas

Die erstmals eingesehenen Investitionen zeigen, dass die PKGR deutlich weniger in Öl- und Gasunternehmen investiert als vergleichbare Pensionskassen wie etwa jene des Kantons Schwyz. So hält PKGR zum Beispiel keine Wertpapiere der US-Konzerne Chevron oder Exxon Mobil. Diese stehen für eine Industrie, die zurzeit im grossen Stil neue Öl- und Gasvorkommen erschliesst.

In andere solche Unternehmen investiert die PKGR aber. So ist sie mit über einer Million Franken in den weltgrössten Öl- und Gasproduzenten Saudi Aramco investiert, der mehrheitlich vom autokratisch regierenden saudischen Königshaus kontrolliert wird. Weltweit erschliesst der Konzern laut der deutschen NGO Urgewald am zweitmeisten neue Öl- und Gasfelder. Gemäss der Zürcher Privatbank Globalance befindet sich Saudi Aramco aktuell auf einem Zehn-Grad-Kurs, sprich: Würde sich die gesamte Weltwirtschaft so verhalten wie Saudi Aramco, wäre bis Ende des Jahrhunderts mit einer globalen Erwärmung um zehn Grad zu rechnen – der Höchstwert in dieser Modellrechnung. Letzten Sommer schrieb der Versicherungsriese Allianz, dass bereits ab einer durchschnittlichen Erwärmung von drei Grad die Auswirkungen des Klimawandels irreversibel und finanzielle Stabilität unerreichbar seien. Diese finanzielle Stabilität jedoch brauchen Pensionskassen, um langfristig eine Rente auszahlen zu können.

Würde sich die gesamte Weltwirtschaft so verhalten, wäre bis Ende des Jahrhunderts mit einer globalen Erwärmung um zehn Grad zu rechnen.

Weiter investiert die PKGR fast 2,5 Millionen Franken in den kanadischen Pipelinekonzern Enbridge, der gemäss Urgewald aktuell über 1600 Kilometer neue Öl- und Gaspipelines baut. Insgesamt über 32 Millionen Franken investiert die Pensionskasse Graubünden in Unternehmen, die aktuell an der Erschliessung neuer Öl- und Gasfelder beteiligt sind – rund 2300 Franken pro versicherte Person.

Microsoft, Tesla und KI

Die erstmals analysierten Investitionen zeigen, dass die PKGR Tech-Unternehmen wie Apple, Amazon oder Meta ausschliesst. In Microsoft, Nvidia oder Tesla aber investiert sie überdurchschnittlich viel. So fliessen rund 80 Millionen Franken an den Chiphersteller Nvidia. Das Tech-Unternehmen steht beispielhaft für die KI-Revolution und den massiv steigenden Stromverbrauch in den Rechenzentren. Laut einer Prognose der Internationalen Energieagentur werden die Rechenzentren wegen KI im Jahr 2030 etwa so viel Strom benötigen wie ganz Japan.

Auf Anfrage schreibt PKGR-Anlagechef Jan Burkhardt, dass sie die Klimawirkung einzelner Unternehmen nicht beurteilen würden. Entsprechend tätigten sie keine Einzelausschlüsse. Diese Aufgabe delegiert die Pensionskasse Graubünden für Aktien vollständig an die UBS. Dabei werde verlangt, dass die Grossbank in sogenannte «ESG Leaders» investiere, also führende Firmen im Bereich Nachhaltigkeit.

Warum die UBS die Vorsorgegelder der PKGR dennoch in Saudi Aramco oder Enbridge investiert, hat sie auf Anfrage nicht kommentiert. Sie verweist an den US-Börsendienstleister MSCI, dessen Grundlagen sie für die Investitionen der Pensionskasse Graubünden verwende. Auf eine entsprechende Anfrage hat der US-Konzern nicht reagiert.

«Eine nie endende Covid-Krise»

Pensionskassen seien zwei Arten von Klimarisiken ausgesetzt, sagt die Nachhaltigkeitsexpertin Rosa Sangiorgio. Sie arbeitete 27 Jahre als Portfoliomanagerin bei internationalen Grossbanken, darunter 12 Jahre bei der Credit Suisse. Zuletzt war sie Nachhaltigkeitschefin in der Vermögensverwaltung bei der Genfer Privatbank Pictet.

Sangiorgio sagt: Einerseits kann der Wert von kohlenstoffintensiven Unternehmen sinken, wenn die Wirtschaft auf niedrigere Emissionen umstellt. Das werde als Übergangsrisiken bezeichnet. Pensionskassen könnten diese Risiken senken, indem sie Beteiligungen an Unternehmen der fossilen Industrie verkauften. Komplexer seien physische Klimarisiken: Akute Ereignisse wie Überschwemmungen oder Waldbrände sowie chronische Veränderungen wie Hitze und Dürre können die gesamte Wirtschaftstätigkeit schädigen, was für Pensionskassen grosse Risiken berge.

«Wir treten in eine Ära extremer Wetterereignisse ein. Pensionskassen laufen Gefahr, sich von einer Krise zur nächsten nicht schnell genug zu erholen.»

Rosa Sangiorgio, Nachhaltigkeitsexpertin und ehemalige Portfoliomanagerin bei Grossbanken

«Wir treten in eine Ära extremer Wetterereignisse ein», sagt Sangiorgio. «Pensionskassen laufen Gefahr, sich von einer Krise zur nächsten nicht schnell genug zu erholen.» So könnten sich Krisen im Ausmass der Covid-Pandemie, als die Finanzmärkte stark einbrachen, in Zukunft regelmässig wiederholen. «Wirtschaftlich können wir uns eine nie endende Covid-Krise vorstellen.» Zurzeit hätten das Pensionskassen kaum auf dem Schirm und seien mehrheitlich im Klima-Blindflug.

Im schlimmsten Fall sinken die Renten

Ähnliche Risiken beschreibt der renommierte niederländische Pensionskassendienstleister Ortec Finance in einer Studie. Weil sie vorsichtiger und vor allem weniger in Aktien investierten, stünden Schweizer Pensionskassen im internationalen Vergleich zwar besser da. Trotzdem rechnet Ortec bei Schweizer Pensionskassen bereits 2050 mit klimabedingten Renditeeinbussen von rund 30 Prozent. Das Fazit der Studie: «Die langfristige Rendite von Pensionskassen wird durch die Entwicklung der globalen CO₂-Emissionen bestimmt werden.»

«Die langfristige Rendite von Pensionskassen wird durch die Entwicklung der globalen CO₂-Emissionen bestimmt werden.»

Aus einer Studie des niederländischen Pensionskassendienstleisters Ortec Finance

Die Gefahr rasch aufeinanderfolgender schlechter Anlagejahre bestätigt PKGR-Anlagenchef Burkhardt. Er schreibt, dass die Pensionskasse Graubünden bereits nach zwei Jahren wie 2022, als die Covid-Pandemie zu grossen Verlusten führte, in Unterdeckung geriete. Sie hätte also nicht genügend Geld auf der Seite, um alle zukünftigen Renten auszuzahlen. Würde dieser Zustand andauern, müssten Sanierungsmassnahmen ergriffen werden, die zu schlechterer Verzinsung und höheren Beiträgen der Versicherten für die gleiche Rente führen könnten. Im schlimmsten Fall wäre die effektiv ausbezahlte Rente laut PKGR gar tiefer als die aktuelle Angabe im Vorsorgeausweis.

Wer steht in der Pflicht?

Ob sie von ihrer Rente einst leben können, ist für Versicherte wie Lea Fehr* entscheidend. Die im Vorsorgeausweis genannten knapp 1300 Franken Rente pro Monat sind eine Hochrechnung. Würde sie heute pensioniert, hätte sie aufgrund der boomenden Aktienmärkte der vergangenen Jahrzehnte deutlich mehr. Ob es in rund 25 Jahren noch so aussieht, ist fraglich. Für Fehr ist auch klar, dass sie sich einen Klimawandel, der die Wirtschaft in die Knie zwinge, ganz unabhängig von ihrer Rente nicht vorstellen möchte.

«Ich erwarte von meiner Pensionskasse nicht, dass sie zaubert», sagt sie. Wenn aber solche Risiken drohen, möchte die Lehrerin, dass ihre Pensionskasse alles in ihrer Macht Stehende tut, um das zu verhindern. «Das scheint mir bislang nicht der Fall.»

In eine ähnliche Richtung zielt ein Rechtsgutachten im Auftrag des Bundes von 2019. Dieses hält fest, dass Pensionskassen unter geltendem Recht dazu verpflichtet seien, Klimarisiken in ihre Verwaltungsentscheide einzubeziehen. Das bestätigt Burkhardt, der Klimarisiken als «Teil der gesetzlichen treuhänderischen Sorgfaltspflicht» versteht.

Fehlende Standards, fehlende Kontrollen

Ob Pensionskassen diese Gesetze auch einhalten, ist Sache der Aufsichtsbehörden. Zwar warnt die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht öffentlich vor Klimarisiken und ist durch das CO₂-Gesetz dazu verpflichtet, Klimarisiken zu prüfen. Doch fallen Pensionskassen nicht in ihre Zuständigkeit. Verantwortlich auf nationaler Ebene ist die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge. Die regionale Direktaufsicht obliegt im Fall der Pensionskasse Graubünden der BVG- und Stiftungsaufsicht Tessin, Ostschweiz und Zürich (ATIOZ).

Auf Anfrage schreiben beide, dass sie Klimarisiken nicht prüften, weil dazu die gesetzliche Grundlage fehle. Das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge enthalte keine Bestimmung, die Klimarisiken ausdrücklich nenne, schreibt die Oberaufsichtskommission. Auch die Direktaufsicht ATIOZ hält fest, es sei Sache des Gesetzgebers, verbindliche und einforderbare Standards zum Umgang mit Klimarisiken zu setzen. Anders als die Finanzmarktaufsicht verpflichtet das CO₂-Gesetz die Pensionskassenaufsicht auch nicht zur Prüfung von Klimarisiken.

So richtig zuständig für die Aufsicht fühlt sich niemand. Trotz aller Kritik schätzt Lehrerin Fehr deshalb die bisherigen Bemühungen ihrer Pensionskasse sowie die Veröffentlichung der Investitionen. «Offen über ein Problem zu sprechen, ist der erste wichtige Schritt», sagt sie.

*Name geändert

Zur Recherche

Während die AHV laufend Geld von der arbeitenden Bevölkerung an jene im Ruhestand umverteilt, sparen in der zweiten Säule alle ein Berufsleben lang für sich selbst. Entsprechend hoch türmt sich das Geld bei den Schweizer Pensionskassen: Rund 1,2 Billionen Franken verwalten sie. Damit sind sie die grössten Investoren der Schweiz. Wie Schweizer Pensionskassen die Altersguthaben ihrer Versicherten aber anlegen, ist eine Blackbox. Auf Grundlage des Öffentlichkeitsgesetzes hat das WAV Recherchekollektiv gemeinsam mit Correctiv Schweiz Einsicht in die Investitionen von sämtlichen öffentlich-rechtlichen Pensionskassen verlangt. Die Ergebnisse veröffentlichten sie mit verschiedenen Lokalmedien, wie hier mit der «Südostschweiz». Diese Recherche wurde finanziell unterstützt von Lokalhub.

Gion-Mattias Durband wuchs in Graubünden auf, studierte in Bern und Toulouse Politikwissenschaften und etwas Volkswirtschaft und noch weniger Recht. Mit Unterbruch schreibt er seit 2010 für die «Südostschweiz» und freut sich an jeder Anregung. Mehr Infos

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SO schreibt:
Würde sich die gesamte Weltwirtschaft so verhalten wie Saudi Aramco, wäre bis Ende des Jahrhunderts mit einer globalen Erwärmung um zehn Grad zu rechnen – der Höchstwert in dieser Modellrechnung.
Ich schreibe:
Die Jüngeren brauchen sich keine Sorgen ums Klima machen.
Erstens verhalten sich mindestens wie Aramco die USA (die offenbar zudem die "gesamte Weltwirtschaft" diktieren), also ist die PKGR mehr als irrelevant. Kleines Mosaiksteinchen-Beispiel: Allein, was die USA an Schiffen und Flugzeugen aktuell in Richtung Iran bewegen, völkerrechtswidrig, aber seit wann interessiert das wen in der Schweiz, wenn er nicht Putin heisst, was ich nicht nur unlogisch, sondern feige finde). Zweitens sind die USA im Endstadium ihrer Angriffskriegsvorbereitungen global (die im Prinzip seit Jahrhunderten laufen, Manifest Destiny, nach den Indianern wir alle), was nicht nur ultimative Mengen an Partikeln in der Luft bedeutet (inklusive massenhafter Raketenstarts), sondern vor allem Exitus auch ohne Klimawandel (USA, das einzige Land mit Atom-Angriffskriegs-Doktrin, ja liebe Hater, für die russische und chinesische Regierung gilt das Gegenteil, aber Hauptsache, die Masse, Denken hin oder her, kann über jemanden herziehen, vorzugsweise nicht über diejenigen, die es verdient hätten). Soll keiner Sagen, er hätte es nicht gewusst. Kissinger offenbarte es bereits vor Dekaden: «It may be dangerous to be America’s enemy, but to be America’s friend is fatal» [engl: tödlich]. Das Endziel war auch betreffend damalige Indianer nicht Koexistenz. Für die Erkenntnis benötigen wir nicht mal Kissinger, die US-Historie schreit es einem geradezu ins Gesicht.

Kanada Carney rief uns zwar zum Agieren auf (sogar von Davos aus sprach es das zu uns), uns zu organisieren gegen USA. Aber wer tut es (obwohl es nicht Gutes gibt ausser man tut es)? Obwohl Résistance gegen USAngriffskrieg weit dringender als das Klima wäre, scheinen es noch weniger Menschen zu tun als den Kampf gegen die Windmühlen Don Quijotes. Autofahrende Klimaaktivisten, den toxischen Reifenabrieb, den wohl jede/r von uns intus hat, der auch ins Gehirn wandert (mit TFA & Co. um die Wette), aber für den es Grenzwerte gibt, hahaha, erstens sind für mich Grenzwerte für Grenzdebile, wenn man weiss wie die zustandekommen, und zweitens gibt es heute inzwischen viel zu viele Stoffe mit Grenzwerten, jedoch das toxikologische Prinzip besagt, dass die einzelnen Stoffe sich nicht summieren, sondern eher potenzieren, oder um es mit einer Redewendung klarzumachen: Zu viele Hunde sind des Hasen Tod.
Exposition: Chronische tiefere Intoxikation kann schädlicher sein als kurzzeitige höhere.
Synergie: Stoffe gemeinsam schädlicher als Summe der Einzelstoffe (Beispiel: Ratten LD1 Quecksilber + LD1 Blei = LD100 (alle sterben, nicht Summe 2%).
Mein Vorschlag "Gesundheitstourismus auch für Einheimische" (bahnbrechende Lebensstiländerung) scheint leider niemanden zu interessieren; trotz aufweckender Prognose-Daten etwa von Florian Homm:

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